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Haltungen für gute Lehre

Warum wir jetzt eine Didaktik der Entlastung brauchen

Die Zeit für Mitgefühl fängt gerade erst an

Im Frühjahr 2020 hat mich die Pandemie belastet – ganz akut. Sprung nach vorne ins Jahr 2022: Das Adrenalin ist abgeebbt. Akut war gestern. Heute ist die Belastung chronisch – und dadurch weniger sichtbar. In meiner Arbeit als Hochschuldidaktikerin höre ich oft den Wunsch, es möge alles „wieder zum Normalen“ zurückkehren. Ich möchte in diesem Post auf einen Grund verweisen, warum das nicht möglich sein wird – denn darüber sprechen wir viel zu wenig.

Die psychische Belastung mag unsichtbar sein, aber sie ist da

In unseren Lehrveranstaltungen sitzen jetzt Studierende, deren Leben durch Corona seit zwei Jahren immer aufs Neue auf den Kopf geschmissen wird. Schon vor Corona hat ein Drittel der 18- bis 34-Jährigen im Verlauf eines Jahres irgendeine psychische Störung erlitten. Und Corona hat besonders für jüngere Menschen das Risiko erhöht, dass sich diese Umstände verschlechtern. Diese jungen Erwachsenen sind Erstis geworden, ohne besonders viel von anderen Menschen und von der Welt sehen zu können. Die Pandemie hat ihre Spuren hinterlassen – und diese werden nicht einfach weggespült, sobald es wieder Präsenzunterricht gibt.

Mein Wunsch: Radikales Mitgefühl für Lernende

Die meisten, die diesen Beitrag lesen, können keine Therapieplätze schaffen. Aber wir als Lehrende haben trotzdem Macht: In jeder Veranstaltung sitzen bei uns junge Erwachsene, und wir bestimmen zu einem kleinen, aber bedeutenden Teil über ihr Leben. Lasst uns diese Macht anerkennen und verantwortungsvoll nutzen – radikales Mitgefühl haben, den Studierenden einen Vertrauensvorschuss geben und ihnen entgegenkommen.

Eine Didaktik der Entlastung und Förderung statt Belastung und Überforderung

Aus meiner Sicht gibt es fünf große Bereiche, in denen wir etwas verändern können:

  • Flexibilität. Wir können unsere Veranstaltungen entfristen – Materialien länger zugänglich machen, Abgaben länger ermöglichen (z.B. eine zweite Deadline mit kleiner Zusatzaufgabe).
  • Didaktische Reduktion. Ein gestresstes Gehirn lernt nicht nachhaltig. Wir sollten uns gut überlegen, was wirklich wichtig ist, damit sich die Studierenden langfristig weiterentwickeln können.
  • Kommunikation. Mitgefühl kann man auch explizit kommunizieren – etwa Verständnis dafür zeigen, wenn in der virtuellen Veranstaltung Kameras ausbleiben.
  • Zuverlässigkeit. Wir kommunizieren klar und im Voraus, was wir erwarten, und geben zuverlässige, konsequente Rahmenbedingungen (z.B. ein Bewertungsraster, auf das wir uns immer wieder beziehen).
  • Offenheit. Studierende wissen meist selbst, was sie brauchen. Anonyme Umfragen zum Befinden bewirken zweierlei: Wir können Dinge konkret verändern – und allein das Nachfragen ist gut für die Beziehung.

Fazit: Die Zeit für Mitgefühl fängt gerade erst an

Die Lebensrealität der nächsten Generation wurde stark von Corona geprägt, was bei einem nicht unerheblichen Anteil zu psychischen Belastungen geführt hat. Die Zeit, um unseren Studierenden gegenüber mehr Mitgefühl denn je zu zeigen, fängt jetzt also erst so richtig an. Im Rahmen unserer Lehre können wir viel dafür tun, um Studierende nicht unnötig zu belasten – und wir müssen nicht befürchten, dass die Qualität der Lehre darunter leidet. Ganz im Gegenteil.

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