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Im Moment habe ich das Gefühl, dass sehr viele Fragen offen sind: Wie gehen wir in der Hochschule mit Tools wie ChatGPT um? Wie entwickelt sich die Hochschule nach der Corona-Pandemie weiter? Wie gehen wir mit Fachkräftemangel, Globalisierung, Klimawandel, gesellschaftlicher Spaltung und der Abhängigkeit von großen Techkonzernen um? Diese Fragen haben mich dazu gebracht, meine Gedanken dazu zu sortieren, was dies für die Hochschullehre bedeuten kann und sollte. Ich gehe dabei von meiner Kritik an der derzeit häufig praktizierten Form der Hochschullehre aus und formuliere anschließend, wie eine gute Hochschullehre im Jahr 2023 aus meiner Sicht aussehen könnte.
Wir leben in einer Kultur der Digitalität (Stalder, 2016), in der analoge und digitale Welt komplett miteinander verwoben sind. Die These, dass physischer Präsenzunterricht digitalen Lehrformaten grundsätzlich überlegen sei, ist auf Basis der Lehr-Lernforschung nicht haltbar. Ich fordere ein sinnvolles Miteinander der verschiedenen Formate – und die Integration auch virtueller Welten (Stichwort Metaverse) in die Hochschullehre.
Fachwissen ist wichtig, aber es kann nicht alles sein. Wir brauchen Menschen, die Verantwortung für Gesellschaft und eigenes Leben übernehmen und in einer Welt rasanter Entwicklung am Ball bleiben. Neben dem Fachwissen müssen wir deshalb den kritischen Umgang mit Fachwissen üben und Future Skills fördern: lebenslanges Lernen, Selbstorganisation, Achtsamkeit und die 4-K-Kompetenzen (Kreativität, Kollaboration, Kommunikation, kritisches Denken).
Mit dem Fokus auf das Erreichen vorgegebener Kompetenzen werden manche Studierende überfordert, andere unterfordert, und eine kreativere, individuellere Beschäftigung mit den Inhalten wird unterbunden. Ich plädiere dafür, die Kompetenzorientierung in Richtung einer Entwicklungsorientierung (Burk & Stalder, 2022) weiterzuentwickeln – also individuelle Ziele zu berücksichtigen und Wahlmöglichkeiten zu lassen. Hochschullehre muss individualisierbarer werden.
Diese Fokussierung zeigt sich gerade in den ChatGPT-Debatten: Statt zu überlegen, wie wir ChatGPT für die Lehre nutzen können, wird diskutiert, wie Prüfungen künftig gestaltet werden. Ich wünsche mir, dass Lehrende ein Growth Mindset (Dweck, 2006), die Haltung „not yet“ (Sliwka & Klopsch, 2022) und ein grundsätzlich positives Menschenbild (Klein, 2022) übernehmen.
Die Forschung hat längst gezeigt, dass Noten weder motivieren noch objektiv oder valide sind (Brookhart et al, 2016; Nölte & Wampfler, 2021). Ich wünsche mir, dass Noten abgeschafft und stattdessen qualitatives, das Weiterlernen förderndes Feedback in den Fokus gerückt wird. Studierende könnten ihren Lernfortschritt von Beginn an in einem individuellen Portfolio dokumentieren.
Die wesentliche Basis guter Lehre liegt darin, dass Lehrende ein positives, wohlwollendes Menschenbild, ein Growth Mindset und die Haltung „not yet“ haben. Dann agieren sie entwicklungsorientierter, geben förderliches Feedback und achten mehr auf Prozesse als auf Ergebnisse – die Basis für eine gute Beziehung und erfolgreiches Lernen.
Gute Lehre kombiniert Online-Lehrformate mit physischer Präsenzlehre und nutzt die Vorteile der unterschiedlichen Formate, damit Studierende lernen, sich in der analog-digital-vernetzten Welt professionell zu bewegen.
Gute Lehre fokussiert nicht nur Fachwissen, sondern integriert auch die Arbeit an ethischen Fragestellungen und Werten sowie an Future Skills – und zwar in die fachwissenschaftlichen Seminare, nicht in Extra-Veranstaltungen.
Jede Lehrveranstaltung hat im Sinne des Deeper Learnings (Sliwka & Klopsch, 2022) drei Phasen: (1) die Phase der Wissensvermittlung, (2) die ko-kreative, ko-konstruktive Phase des Anwendens und (3) die Phase der authentischen Anwendung. Die Wissensphase endet mit einem beliebig wiederholbaren Test, der das fachliche Basiswissen sichert.
Studierende formulieren zu Beginn auch eigene Ziele und erhalten ein hohes Maß an Autonomie (Agency mit Choice und Voice). Als Leistungsnachweis erstellen sie authentische Produkte – wissenschaftliche Beiträge, Blogposts, Videos, Podcasts, Poster etc. –, an denen sie mit fortlaufenden Feedback-Schleifen arbeiten (assessment as and for learning) und die sie in ihr Portfolio übernehmen. Digitale Tools wie ChatGPT kommen dabei selbstverständlich zum Einsatz, weil der Fokus auf dem Prozess und nicht allein auf dem Produkt liegt.
Wir von hochschuldidaktik-online nehmen diese Kriterien guter Hochschullehre zum Ausgangspunkt von Webinar- und Weiterbildungsangeboten und Selbstlernmaterialien.
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