Website-Familie · Hanke
Hochschuldidaktik · Rezension

Die Peripherie als Herzstück

Rezension zu „Bildungsgeschichten aus der Peripherie. Über den Umgang mit Unerwartetem, produktives Scheitern und Grenzmanagement“ von Geri Thomann

Geri Thomanns „Bildungsgeschichten aus der Peripherie“ zeigen, wie als schwierig empfundene Ereignisse und Personen oft zentral für sinnstiftende Bildungsarbeit sind: Unerwartete Ereignisse, Misserfolge und der Umgang mit organisationalen Grenzen fordern uns als Lehrende und Führungspersonen an Hochschulen und in anderen Bildungsorganisationen immer wieder heraus. Gerade deshalb sind sie entscheidend für die Weiterentwicklung – von uns als Individuen wie auch der Bildungsorganisationen, in denen wir tätig sind.

Buchcover Bildungsgeschichten aus der Peripherie
Buchcover: Geri Thomanns Bildungsgeschichten aus der Peripherie (hep verlag)

Sie betreten morgens den Seminarraum, schließen Ihren Laptop an – und stellen fest, dass der Beamer defekt ist. Sie stellen um und beschließen, mit Whiteboard und Flipchart zu arbeiten, doch als die Glocke läutet, ist der Raum halb leer. Die anwesenden Studierenden berichten Ihnen, dass eine wichtige Bahnlinie unterbrochen sei und deshalb wohl viele Studierende zu spät kommen. Kurz: Es läuft gerade gar nicht nach Plan. Wer Derartiges noch nicht erlebt hat, arbeitet wohl eher in einer Uhrenfabrik als im Bildungswesen.

Geri Thomanns Buch setzt sich intensiv mit der Unplanbarkeit des Bildungsalltags auseinander. Was auf den ersten Blick abschreckend klingen mag, fasziniert den Buchautor als Ausdruck des prallen Lebens. So stehen Unerwartetes, Misserfolge, Grenzen und Randerscheinungen im Zentrum seiner Betrachtungen. In einem Text mit dem Titel „Können Sie scheitern?“ fasst Thomann seine Faszination in der ebenso konstruktivistischen wie lebensbejahenden These zusammen, „dass Widersprüchlichkeit alltäglich und somit die Regel ist. Reibungslosigkeit ist hingegen die Ausnahme. Komplexität ist also kein ungewollter Nebeneffekt einer geordneten oder zu ordnenden Welt, sondern die typische Form unserer Lebenswelt.“ (S. 121) Damit verbunden betont Thomann auch die Unschärfe von menschlichen Organisationen und zitiert dazu Karl Weick: „An organization is a body of thought, thought by thinking thinkers.“ Eine Bildungsorganisation ist so betrachtet ein Konstrukt, das nur insofern existiert, als es laufend von Menschen konstruiert und rekonstruiert wird. Thomann stellt deshalb die Menschen als Konstrukteure ins Zentrum: Er arbeitet heraus, wie sie Bildungsorganisationen, Lehren und Lernen durch ihre Handlungen hervorbringen.

Dabei scheint allenthalben das Ideal des „reflective practitioner“ auf, das Donald A. Schön mit seinem gleichnamigen Buch geprägt hat. Dieses Konzept beschreibt Fachleute, die durch kontinuierliche Reflexion über ihr Handeln ihre berufliche Praxis verbessern und aus ihren Erfahrungen lernen. Theorie und Praxis inspirieren sich durch reflexive Praxis gegenseitig. Die Idee der reflexiven Praxis wird nicht nur in den „Bildungsgeschichten“ mehrfach erwähnt. Sie war für Geri Thomann auch als Führungsperson und Dozent leitend, wie ich in der langjährigen Zusammenarbeit mit ihm erfahren durfte.

Bildung als Abenteuer zwischen Schelmengeschichte und Entwicklungsroman

Die Unschärfe von Bildungsorganisationen, die Unberechenbarkeit von Bildungsprozessen und damit verbundene Scheiterfahrungen betrachtet Geri Thomann aus unterschiedlichsten Blickwinkeln. Das Buch ist dabei eine Collage verschiedenartiger Texte aus den letzten 30 Jahren, die sich um die drei Themen Umgang mit Unerwartetem, produktives Scheitern und die Funktion von Grenzen und Grenzerfahrungen drehen.

Der Autor behandelt die komplexen Themen humorvoll, tiefgründig und mit spürbarer Liebe zum Menschlichen und Allzumenschlichen. Besonders greifbar werden seine Haltung und Denkweise in den elf anekdotischen, pointenreichen Kurztexten: Oft stehen Randfiguren im Zentrum, der Autor hinterfragt den „Common Sense“ und auch sich selbst. Die Lesenden dürften dabei nicht selten schmunzeln und gelegentlich gar laut herauslachen. In den theoretischen Texten arbeitet Thomann heraus, dass der Umgang mit Randerscheinungen und Grenzerfahrungen mehr als unterhaltsam ist. Vielmehr ist er entscheidend für die Fähigkeit sowohl von einzelnen Menschen als auch von Bildungsorganisationen, Erfahrungen zu integrieren und sich weiterzuentwickeln.

Stilistisch bewegt sich das Buch irgendwo zwischen Fachbuch, Erzählsammlung und philosophischem Tagebuch. Das ergibt sich auch aufgrund der unterschiedlichen Textsorten, die es versammelt. So wirkt die Montage aus Erfahrungsschätzen und theoretischen Betrachtungen erfrischend: Das ganze bunte Chaos, das Lehrende und Bildungsverantwortliche kennen, wird in Szene gesetzt und in Erkenntnisse und Leitfragen verwandelt. So wird beispielsweise aus manch einem Scheitern im Rückblick ein Wegweiser – Thomann spricht von „produktivem Scheitern“. Oder in den von Thomann wiederholt zitierten Worten von Samuel Beckett: „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“

Organisationen sind wie Wolken
„Organisationen sind wie Wolken: Aus weiter Entfernung wirken sie mindestens für eine Weile eindeutig von ihrer Umgebung abgegrenzt und nehmen Gestalt an, beim Durchflug dagegen verschwimmen die Grenzen“ (S. 152, Bild generiert von Tobias Zimmermann mit ChatGPT 4o/DALL-E)

Zwischen Planung und Überraschung: Grenzmanagement als roter Faden

Die „Bildungsgeschichten“ handeln vom Navigieren an den Rändern der Planbarkeit. Dazu passt auch der Begriff des Grenzmanagements, der im Zentrum des dritten Buchteils steht. Es geht dabei nicht um Grenzbeamte, Zölle oder Mauern, sondern um die Kunst, im Bildungsbereich zwischen verschiedenen Welten und Zuständigkeiten hin und her zu wechseln. Thomann zeigt anhand zahlreicher Episoden, wie Lehrende und Bildungsverantwortliche ständig Grenzen managen müssen – die Grenze zwischen Planung und Improvisation, zwischen Erfolg und Scheitern, zwischen dem „Kern“ des Curriculums und der „Peripherie“ unerwarteter Ereignisse. In den Worten des Autors: „Improvisation ist Denken und Handeln in Optionen und hat situativen und prozessorientierten Charakter. … Improvisation ist konstruktiver Umgang mit Unerwartetem und damit eine zentrale Fähigkeit in komplexer werdenden Umwelten. Und: Improvisieren lässt sich üben.“ (S. 26)

Zwischenräume als Keimzelle der Erneuerung: Grenzgänger im Third Space

Besonders relevant scheinen mir die „Bildungsgeschichten“ für Lesende, die im sogenannten Third Space arbeiten – also in den Zwischenräumen von Lehre, Verwaltung und Entwicklung. An Hochschulen sind dies etwa Studiengangsleitende, Hochschuldidaktiker:innen oder Stabsstellen-Mitarbeitende. Personen mit diesen Aufgaben fungieren als Grenzgänger:innen und Brückenbauende innerhalb ihrer Organisation und zwischen verschiedenen Organisationen. Essenziell dafür sind Boundary Spanning Roles: Rollen, die Brücken zwischen den „Kernen“ und „Peripherien“ von Bildungsorganisationen schlagen. Thomann weist zugleich auf die Herausforderung hin, diese Grenzspähenden angemessen wertzuschätzen und zu pflegen. Denn oft sind es gerade sie, die entscheidende Innovationen entwickeln – und aufgrund ihrer für die Organisation teils unbequemen Rolle oft wenig Anerkennung dafür erhalten.

Fazit: Bewusstseinserweiternde Lektüre

Das Buch liefert keine simplen Patentrezepte, sondern etwas Wertvolleres: eine Haltung der Neugier gegenüber dem Unerwarteten und der Offenheit gegenüber Randerscheinungen. Die Lektüre fühlt sich an, als würde man mit einem klugen, humorvollen Kollegen bei einer Tasse Kaffee über die oft unplanbaren, chaotischen und diffusen Ereignisse an Schulen und Hochschulen sprechen – und dabei langsam begreifen, dass genau die „Peripherie“ dieser Institutionen in Wahrheit ihr Herzstück ist. Nach der Lektüre sieht man chaotische Meetings, gescheiterte Projekte und unerwartete Wendungen nicht mehr unbedingt als Störfaktoren, sondern als Bildungsabenteuer, aus denen der Kern des Lernens erwächst.

Geri Thomann ist leider am 15. März 2025 im Alter von 67 Jahren viel zu früh verstorben. Er war bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2022 Leiter der Abteilung Hochschuldidaktik und Erwachsenenbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich und hatte eine Professur für Hochschuldidaktik und Erwachsenenbildung inne.

Dr. Tobias Zimmermann ist Leiter des ZHE Zentrum für Hochschuldidaktik und -entwicklung an der Pädagogischen Hochschule Zürich und Dozent für Hochschuldidaktik. Sein aktuelles Buch: Zimmermann, Tobias (2024). Leistungsbeurteilungen an Hochschulen lernförderlich gestalten. Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich.

← Zurück zur Blogübersicht

Kostenlos für Sie

Jetzt kostenlose Tipps & Gratis-eBook sichern

Melden Sie sich für unseren Newsletter an und erhalten Sie regelmäßig sofort umsetzbare, wissenschaftlich fundierte Impulse für Ihre Lehre – plus unser Gratis-eBook direkt zur Anmeldung.

Gratis-eBook zur Newsletter-Anmeldung Gratis bei Anmeldung zum Newsletter!