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Die kurze Antwort lautet: Ja! Kein aber? Doch: Auf eine virtuelle Vorlesung muss sich eine Lehrperson konzeptionell etwas anders vorbereiten als auf eine Präsenz-Vorlesung. Es braucht ein anderes Selbstverständnis und mehr Auflockerung und Abwechslung.
Wie in der klassischen Vorlesung bitte ich die Teilnehmenden, sich beim ersten Treffen vorzustellen, und steige gern mit einer Diskussion zu einem tagesaktuellen Aufreger ein. Damit ist der erste Damm des Schweigens gebrochen – alle haben schon einmal online ins Mikrofon gesprochen.
Es hilft, sich im Rahmen der Möglichkeiten auf die Interessen der Studierenden einzulassen. Wenn es die Vorbereitungszeit erlaubt, können die Studierenden ihre Vorlesungsschwerpunkte im Rahmen des Curriculums frei wählen – das gibt ihnen ein Mini-Freiheitsgefühl.
Virtuelles Lernen führt zu einer Demokratisierung der Lehrsituation: Die Lehrperson steht nicht mehr vorne im Mittelpunkt, die Insignien der Macht wie das Pult gibt es nicht. Wir überzeugen virtuell nur durch Kompetenz, Empathie, Sprache und Können. Wenn wir nicht überzeugen, klinken sich die Studierenden einfach aus.
Allem online Raum geben: Ich kündige an, dass der Paketbote das neue Notebook bringt, begrüße zu spät Kommende herzlich und lasse alles „Menschliche“ über den gemeinsamen Chat mitlaufen. Externe Störungen haben bei mir einen berechtigten Vorrang – sie helfen, Interesse und Aufmerksamkeit zu binden.
Ob PowerPoint, Miro-Board, Dokumentenkamera oder Lehrvideo – jedes Medium kann zu seiner Zeit gute Wirkung entfalten; wichtig ist, sie angemessen anzuwenden und abzuwechseln. „Stimme macht Stimmung“ gilt auch virtuell: Das eingebaute Laptop-Mikrofon ist meist nicht ausreichend. Ein hochwertiges Konferenztelefon ist ein guter Kompromiss.

Provokationen und Ironie kommen im Distanzunterricht schlecht an, weil wir die Gesichter nicht in Echtzeit lesen. Storytelling funktioniert dagegen hervorragend: Ich wähle knifflige Situationen aus der künftigen beruflichen Praxis, lasse die Studierenden ihr Vorgehen erklären, wäge gemeinsam ab und erzähle zum Schluss, wie die wahre Geschichte ausgegangen ist.
Auch wenn virtuell vieles möglich ist, wünsche ich mir persönlich die Präsenzveranstaltungen zurück. Die Intensität des gemeinsamen Erlebens und der Moment des gemeinsamen Erkenntnisgewinns sind meiner Einschätzung nach unersetzlich – je näher die Themen am menschlichen Tun und Handeln sind, desto schwieriger wird es, dies virtuell in angemessener Tiefe anzugehen.
Herzlichen Dank für den Gastbeitrag an Dr. Jan-Arne Gewert, Unternehmensberater und Lehrbeauftragter für Management & Leadership.
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