So schaffen Sie eine Verbindung zu Ihren Studierenden in der Online-Lehre

Im virtuellen Raum ist es so kalt und unpersönlich – könnte man meinen. Denn man kriegt kaum etwas von den Studierenden mit. Und dadurch, dass wir keine Körpersprache, keine Gestik und Mimik haben, die uns den Austausch erleichtert und ihn lebendig macht, müssen wir so viel interpretieren, entsteht kein echtes Gefühl von Nähe.

Ich möchte es nicht leugnen: Ja, das ist eine große Herausforderung in der Online-Lehre.

Aber Dozierende können trotzdem ein paar kleine Dinge tun, um eine bessere, menschlichere Gruppendynamik im Online-Kurs zu erzeugen. Diese Dinge sind bewusst alle low-tech: Es geht nicht darum, dass wir, dass die Studierenden eine neue Technologie, ein neues Tool erlernen müssen. Nein, einfache Aufgabenstellungen und Änderungen im LMS reichen.

1. Alle müssen einen Namen haben.

In vielen LMS werden nicht die ganzen Namen der Teilnehmenden angezeigt. Stattdessen werden die eduroam-Codes angezeigt, bei mir z. B. nb1056@uni-freiburg. Wenn man im Forum oder Chat schreibt und nur solche Codes sieht, ist das schrecklich unpersönlich. Deshalb sollten Sie auf jeden Fall als Lehrperson dafür sorgen, dass Ihr ganzer Name angezeigt wird. Bitten Sie auch die Studierenden, ihre Codes zu ersetzen – entweder mit ihrem echten Namen oder mit dem Namen fiktiver Charaktere. Denn Pseudonyme wie „Harry Potter“ oder „Jane Eyre“ wirken auch schon viel menschlicher als „ghr68“ oder „tofu1998“.

Sie werden den Studierenden erklären müssen, wie sie sich den Namen in Ihrem LMS, z. B. bei ILIAS, anzeigen lassen können.

Screenshot aus ILIAS
In meinem ILIAS-Portal bei der Uni Freiburg muss man z. B. unter "Persönliche Daten und Profil" das Profil "für angemeldete Benutzer sichtbar" machen, damit mein Name angezeigt wird.

2. Alle müssen ein Profilbild haben.

Was für die Namen gilt, gilt auch für die Bilder. Menschen sind visuell geprägte Wesen. Pflegen Sie unbedingt ein Profilfoto ein und bitten Sie die Studierenden, dies auch zu tun. Dabei muss es kein Bild des Gesichts sein – es kann auch ein Bild des Haustiers, der Lieblings-Teetasse, oder etwas ganz anderes sein. Hauptsache, jede*r Nutzer*in hat ein visuelles Wiedererkennungsmerkmal.

Bei ILIAS muss man dann in den Einstellungen auch dafür sorgen, dass das Profilfoto auch öffentlich angezeigt wird. Erklären Sie den Studierenden also unbedingt, wie sie das einstellen können.

In meinem ILIAS bei der Uni Freiburg muss ich unter "Persönliche Daten und Profil" ein Foto hochladen UND dieses mit einem Häkchen unter "Profil" sichtbar machen.

Aber es gibt noch mehr Wege, um mit Bildern die Motivation und Nähe zu fördern: Warum nicht auch ein schlichtes Logo für die Veranstaltung erstellen – mit dem kostenlosen Tool Canva geht das z. B. ganz gut, hier hatten wir mal dazu gebloggt – und eine nette, optische Willkommensbotschaft in das LMS einfügen?

Mein Willkommensbild im ILIAS-Kurs.

3. Sie müssen vorangehen: Seien Sie selbst authentisch und wertschätzend

Erzählen Sie den Studierenden oft etwas von sich: Wie es Ihnen mit einer Sache geht, welche Erfahrungen (auch Fehler) Sie gemacht haben, was Ihnen gefällt… Natürlich geht es nicht (unbedingt) darum, dass Sie von Ihrem Privatleben berichten. Als Dozierende sprechen wir bestimmte Bereiche unseres Lebens selbstverständlich nicht mit Studierenden an. Aber dort, wo wir das Gespräch eröffnen, können wir trotzdem als ganze Persönlichkeiten auftauchen. Wir müssen unseren Humor, unsere Meinungen, unsere Stimmung nicht verstecken. Im Gegenteil: Das bringt viel Menschlichkeit in den Kurs und zeigt den Studierenden, dass auch sie sich öffnen können.

4. Stellen Sie sich vor – aber richtig.

Stellen Sie deshalb nicht (nur) Ihren Lebenslauf vor. Den können die Studierenden bestimmt sowieso irgendwo nachschlagen. Stellen Sie sich lieber in einem Video vor und sagen Sie den Studierenden, was Sie bezüglich der Veranstaltung motiviert, worauf Sie gespannt sind, was Ihnen wichtig ist. Teilen Sie Dinge von sich mit, die wirklich interessant sind (hier als Beispiel ein Blogpost, in dem ich mich Studierenden vorstelle).

So sieht mein Willkommensvideo in ILIAS aus. Es ist nur 3 Minuten lang - damit es auch wirklich angeschaut wird!

5. Die Studierenden sollten sich auch vorstellen - kreativ und datenschutzgerecht.

Für die Studierenden gilt dasselbe: Eckdaten der Lebensläufe vergessen Sie – und die anderen Studierenden – schnell. Warum nicht kreativer werden? Sobald das Semester an meiner Uni beginnt, werde ich meine Studierenden bitten, einen Post im Forum zu erstellen mit…

  • ihren Studienfächern und ihrem Fachsemester, sowie
  • 1-3 Bildern, die ihnen etwas bedeuten.

Dies muss kein Profilbild sein (aus den oben genannten Gründen), sondern kann z. b. Folgendes sein:

  • ein Meme,
  • ein Bild des Haustiers, der Lieblingstasse, des Blickes aus dem Fenster, des Lieblingsbuches,
  • ein Bild aus dem Urlaub,
  • ein “Zitat-Bild”,
  • usw…

Die Bilder werden nicht kommentiert oder “geliked” – damit kein Druck, gut “abzuschneiden”, entsteht. Wir machen das in unserem LMS ILIAS, um dem Datenschutz besser gerecht zu werden.

6. Lassen Sie kleinere Begegnungsräume entstehen

Die Studierenden wollen auch wissen, mit wem sie sich im Kurs befinden. Bei 20, 30, ja sogar 100 Studierenden wird es aber immer schwieriger, einen Überblick zu haben, wer alles dabei ist – selbst wenn alle einen Namen, ein Profilbild haben und sich ggf. sogar vorstellen. Darum lassen Sie gerne kleinere Gruppen entstehen, die immer wieder zusammenarbeiten. Dazu können Sie mehrere Foren oder Chaträume erstellen, die Sie alle nach einem Schema benennen, z. B. anhand von:

  • Musikgenres (Blues Rock, Metal, EDM, Pop, K-Pop….)
  • Fiktiven Ländern und Welten (Narnia, Hogwarts, Mittelerde, Westeros, Dinotopia…)
  • Getränken (Smoothie, Saft, Wasser, Tee, Kaffee…)
  • Reiseziele (Australien, Karibik, USA, Provence…)
  • Oder etwas ganz anderem, das Ihnen einfällt, vielleicht auch etwas, das zu Ihrem Fach passt.

Natürlich können Sie auch die Studierenden selbst brainstormen lassen, welche Chat-Gruppennamen sie haben wollen. Das dürfte auch für alle interessant werden. Lassen Sie die Studierenden sich dann selbst in die Gruppen einteilen – das erhöht ihre Motivation und Gruppenzugehörigkeit.

Die Chaträume können die Studierenden dann für informelle Kommunikation sowie für jegliche Gruppenarbeitsaufträge nutzen. Mit der Zeit wird die Nutzung vertraut und es entsteht ein gutes Gruppengefühl.

Eine wichtige Anmerkung muss ich hier ergänzen: Bei den Kleingruppen müssen wir ein Miteinander und nicht ein Gegeneinander fördern. Einteilungen wie Hund, Katze… sind z. B. problematisch. Ich persönlich liebe Hunde und bin kein Fan von Katzen. So – und alle Katzenliebhaber*innen mögen mich wahrscheinlich etwas weniger, nachdem sie diesen Satz gelesen haben. 😉 Darum ist es wichtig, ein Schema zu wählen, wo die meisten Menschen mehrere Vorlieben haben… wo es die Regel ist, dass man mehr als eine der Sachen genießt. Das mindert die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Gegeneinander zwischen den Gruppen entwickelt.

Fazit: Mit kleinen Kniffen wird die kalte Online-Landschaft plötzlich viel freundlicher

Mit Namen, Bildern und kleinen Begegnungsräumen wird jedes LMS freundlicher. Sie lernen die Studierenden besser kennen, wenn Sie sich öffnen, authentisch und empathisch sind. Denn das machen viele Studierenden nach. Auch die Studierenden lernen sich so gegenseitig besser kennen – und letztlich wird Ihre Online-Veranstaltung viel wärmer und freundlicher… für alle Beteiligten.

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Spontaner Onlinekurs mit Studierenden – ein Erfolgsbericht

Seit der Corona-Krise haben Lehrende im Netz viele theoretische Empfehlungen, Linklisten und Tooltips für die Online-Lehre gesammelt. Ist es nicht an der Zeit, dass wir auch einmal sammeln, was wir in den letzten Wochen gelernt und ausprobiert haben? Diese wirklich sehr gute Idee führte zum Beginn einer agilen Beitragsparade, #3weeks2learn.

In meinem Beitrag zur Parade möchte ich kurz erzählen, wie ich einen Workshoptag mit Studierenden spontan in einen Online-Kurs verwandelte.

1. Die Ausgangssituation

24 Studierende an der Uni Freiburg haben einen Kurs im Ergänzungsbereich belegt, Thema: Lerntechniken und Zeitmanagement. Format: Vier ganze Workshoptage, immer einmal die Woche, vier Wochen lang. Die ersten drei haben bereits stattgefunden, wir kennen uns also, haben eine gute Stimmung in der Gruppe. Bisher habe ich die Studierenden, die aus allen möglichen Studiengängen stammen und größtenteils im 1. oder 3. Semester sind, viel mit Diskussionen, Reflexionsaufgaben und Gruppenarbeiten aktiviert. Die Studierenden waren sehr diskussionsfreudig. Meine Vorträge waren häufig, aber kurz, nie länger als zehn Minuten. Auf ILIAS wurden immer die Folien hochgeladen, es gab auch ein Forum, das aber nie genutzt wurde.

2. Der Einschnitt

Am Freitag heißt es, der ganztägige Abschlusstermin am nächsten Donnerstag muss coronabedingt ausfallen.

3. Das neue Konzept

Ich überlege mir ein Flipped-Classroom-Konzept: Ich werde im bestehenden ILIAS-Kurs Materialien zur Verfügung stellen und diese dann im Web-Seminar mit den Studierenden am Donnerstag besprechen. Die Veranstalterin ist damit einverstanden.

4. Die Umsetzung der Informationsdarbietung

Ich entdecke in ILIAS die „Lernsequenz“. Damit kann man Materialien und Texte in chronologischen, linearen Seiten bündeln – also einen geschlossenen Online-Kurs erstellen. Ich nutze also die Lernsequenz für den Flipped Classroom. Ich überlege mir zunächst, was ich den Studierenden vermittelt hätte. Zu manchen Themen kenne ich gute Youtube-Videos. Die verlinke ich in der Lernsequenz. Zu einem anderen Thema gibt es nichts Passendes – also mache ich ein eigenes Lernvideo. Ich nutze meine Folien und nehme sie inkl. Vertonung über PowerPoint auf. Es kommt ein passables Video dabei rum. Ich lade es auf Youtube hoch und verlinke es ebenfalls in der ILIAS-Lernsequenz.

Die Lernsequenz in ILIAS
So sieht die Startseite der Lernsequenz aus. Rechts die Übersicht.

5. Die Umsetzung der Aktivierung im Online-Kurs

Die Studierenden hatten sich schon einmal in ein Google Doc (über ILIAS verlinkt) für Themen eingetragen. Sie wissen also, wie Google Docs funktionieren. Ich lasse den Datenschutz also mal ein bisschen links liegen und verlinke in der Lernsequenz weitere Google Docs mit Aktivierungen für die Teilnehmenden: VOR den Videos sollen sie sich überlegen, was sie bereits zu den Themen wissen. NACH dem Video können sie offene Fragen notieren. In den Google Docs tippen sie anonym ihre Notizen ein.

6. Die Organisation

Ich schicke den Studierenden am Dienstag über ILIAS eine Email und erkläre ihnen den neuen Aufbau. Am Donnerstagvormittag, während der Workshop stattgefunden hätte, sollen sie sich zwei Stunden für die Bearbeitung der Lernsequenz einplanen (ich schätze, dass sie höchstens eine Stunde brauchen werden, aber ich möchte die Studierenden lieber positiv überraschen). Um 14.00 treffen wir uns dann im Web-Seminar. Wer Fragen hat, soll mir eine Mail, SMS oder Whatsapp-Nachricht schreiben.

7. Das Web-Seminar

Im Web-Seminar besprechen wir offene Fragen zu den Inhalten und zur Organisation. Die Studierenden schreiben im Chat, ich spreche in die Kamera. Ich habe eine schlichte PowerPoint mit Fragen und Arbeitsaufträgen vorbereitet. Es ergeben sich tatsächlich spannende offene Fragen – was kann man tun, wenn man sich überwältigt fühlt und nicht weiß, wo man anfangen soll? – über die wir gemeinsam brainstormen. Die Studierenden schreiben ihre Ideen in den Chat. Ich bündele sie auf dem Whiteboard und sage meine Meinung dazu.

Für den Workshop war ursprünglich geplant, dass die Studierenden in Gruppen eine Visualisierung der Kursinhalte erstellen. Das ist eine der offiziellen Studienleistungen, also sind sie natürlich neugierig, wie es jetzt damit aussieht. Ich erkläre, dass sie nun 10 Minuten Zeit bekommen werden, um eine Visualisierung auf einem Blatt Papier zu erstellen. Dieses sollen sie dann fotografieren und mir per Email schicken. Danach haben sie weitere 10 Minuten Pause, während ich die Fotos in meine PowerPoint bündele. Das klappt auch sehr gut, wir schauen uns dann im Web-Seminar alle Fotos an.

8. Die Nachbereitung

Später tippe ich die Whiteboard-Inhalte noch in meine PowerPoint-Präsentation rein. Die Folien mit den Visualisierungs-Fotos, die Google Docs und alles weitere stelle ich schön nummeriert und mit sinnvollen Titeln auf ILIAS, damit man alles nachvollziehen kann.

NUmmerierte Medien in ILIAS
Die Nummerierung und die sinnvollen Titel ordnen die Dateien.

9. Die Evaluation

Die Evaluationsbögen für die Veranstaltung liegen nutzlos bei mir im Büro, die Uni hat keine Möglichkeit zur Online-Evaluation. Ich setze also kurz vor dem Web-Seminar eine Umfrage bei Google Forms um und gebe den Studierenden im Web-Seminar einen Link dazu. Ich weise darauf hin, dass die Umfrage anonym ist, aber Google ihre IP-Adresse vermutlich speichert und dass sie sich nicht gezwungen fühlen sollen, dort teilzunehmen. Zehn Studierende hinterlassen dennoch ein Feedback, das sehr positiv ausfällt.

Evaluation
Ein Auszug aus den Evaluationsergebnissen.

10. Was ich daraus gelernt habe

Studierende sind bereit, mit flexiblen Planänderungen umzugehen; was sie jedoch brauchen, ist eine sehr klare visuelle wie auch organisatorische Strukturierung. Sie wollen sich gut zurechtfinden können und sie brauchen klare Arbeitsaufträge. Eine gewisse Offenheit ist jedoch wichtig – Studierende wollen nicht das Gefühl kriegen, dass sie wegen einer technischen Schwierigkeit aus dem Kurs fliegen könnten. Sie schätzen vor allem den Austausch, die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Die zwischenmenschliche Beziehung ist im virtuellen Raum genauso wichtig wie zuvor. Mein Hauptfazit: Online-Lehre muss nicht „perfekt“ sein, und sie kann wirklich Spaß machen.

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