Sie möchten lehren „wie die Besten“? Dann beantworten Sie diese 11 Fragen

11 Fragen zur schnellen Planung guter Lehre

Wer sind die besten Hochschuldozierenden, und wie lehren sie eigentlich? Provokative Fragen. In einer umfangreichen qualitativen Studie hat Ken Bain probiert, sie zu beantworten. Die Ergebnisse seiner Analysen und Interviews mit Dutzenden von Dozierenden fasst er im Buch „What the Best College Teachers Do“ zusammen. Auch wenn die Bezeichnung dieser Lehrenden als „die Besten“, wie Bain auch eingesteht, nicht ganz seriös ist, so enthält das Buch dennoch viele gute Ideen für die Hochschullehre. Ganz zentral sind z. B. die Fragen, die sich „die besten“ Dozierenden stellen, wenn sie eine neue Lehrveranstaltung planen. Lassen Sie sich doch auch von diesen Fragen inspirieren, wenn Sie Ihre nächste Lehrveranstaltung planen.

 

1. Was sind die „großen Fragen“ der Lehrveranstaltung?

Welche grundlegenden Fragen über das Leben, die Menschheit und das Universum werden die Studierenden dank dieser Lehrveranstaltung beantworten können? Wie werde ich ihr Interesse an diesen Fragen fördern?

Lernziele beziehen sich oft auf konkrete Themen, deren Relevanz die Studierenden nicht unmittelbar erkennen können, z. B.: Wie hat der erste Weltkrieg begonnen? Diese Frage muss nicht jede/n interessieren. Man kann sie aber wie eine Zwiebel entpacken und tiefere Schichten aufdecken: Hätte der erste Weltkrieg verhindert werden können? Sind große Ereignisse der Weltgeschichte unvermeidbar, oder können einzelne Personen wie wir sie steuern? Können wir unser Schicksal verändern? Die „großen Fragen“, die hinter spezifischen Themen stecken, packen das Interesse der meisten Studierenden, weil sie abstrakt und auf zahlreiche andere Themen anwendbar sind.

 

2. Welche Kompetenzen brauchen Studierende, um diese großen Fragen zu beantworten?

Was heißt es, im jeweiligen Fach wissenschaftlich zu denken? Wie arbeiten PhysikerInnen, IngenieurInnen, LiteraturwissenschaftlerInnen etc.? Hier geht es um Methoden: Instrumente, Modelle, Zitierstile, Schreibstile, Prozesse usw.

 

3. Welche mentalen Modelle bringen Studierende mit, die sich ändern müssen? Wie kann ich diese Änderungen fördern?

Studierende bringen Gewohnheiten und Denkmuster aus der Schule bzw. aus ihrem Leben mit. Diese mentalen Modelle sind oft sehr hartnäckig und müssen explizit angegangen werden, bevor etwas Neues verankert werden kann. Nur wenn Dozierende sich bewusst machen, was bereits „da ist“ und sich ändern muss, können sie die Studierenden unterstützen, sich nachhaltig weiterzuentwickeln. Die „besten“ Lehrenden fragen sich deshalb immer, welche Stolpersteine sich aus dem fehlerhaften bzw. unzureichenden Vorwissen ergeben könnten.

 

4. Welche Informationen brauchen die Studierenden, um die Fragen zu beantworten und neue Kompetenzen zu erwerben? Wie können sie diese Informationen am besten erhalten?

Erst in diesem Schritt geht es um „Input“! Nun werden Inhalte (auch bezogen auf das wissenschaftliche Arbeiten, s. Frage 2), Lehrmethoden und Medien gewählt. Studierende bekommen neue Informationen, die sie benötigen, um ihr Vorwissen zu ergänzen. Diese können sie auch in einem Flipped Classroom-Setting erhalten.

 

5. Wie werde ich Studierende unterstützen, die Schwierigkeiten haben?

Gute Lehre heißt nicht, dass Studierende alles auf Anhieb verstehen und umsetzen. Eine nachhaltige Veränderung erfordert sogar ein gewisses Maß an Schwierigkeiten (laut einer Studie etwa 15 %) – Fehler, Emotionalität und Scheitern gehören dazu. Dozierende sollten sich deshalb überlegen, wie sie die Studierenden unterstützen werden: mit Erklärungen, zusätzlichen Informationsangeboten, Sprechstunden, (Peer-)Feedback, Lerntagebüchern, Quizfragen o. Ä.

 

6. Wie werde ich die Studierenden dazu anregen, den Stoff kritisch zu hinterfragen?

Die Wissenschaft ist nie vollständig, sondern sucht fortwährend nach der „Wahrheit“. Studierende sollten deshalb lernen, dass kritisches Hinterfragen wesentlicher Teil des wissenschaftlichen Arbeitens ist. Dozierende können Konflikte und Lücken in der Forschung aufzeigen.

 

7. Wie werde ich herausfinden, was die Studierenden bereits wissen und welche Erwartungen sie haben, und wie werde ich mit diesen Informationen umgehen?

Das Vorwissen von Studierenden sowie ihre Erwartungen und Interessen können vor dem Semester abgefragt werden; welche Methoden bieten sich dazu an (kann eine Online-Umfrage verschickt werden)? Wie möchte man mit den Ergebnissen umgehen? Dozierende können Verbindungen zwischen dem Stoff und den studentischen Interessen aufzeigen (vielleicht anhand der „großen Fragen“), explizit auf Diskrepanzen hinweisen, zusätzliche Informationsangebote für Studierende mit weniger Vorwissen bereitstellen, ggf. aber auch Themen aufnehmen oder streichen.

 

8. Wie unterstütze ich die Studierenden darin, zu lernen, sprich, sich zu informieren und ihren Lernprozess zu reflektieren?

Die „besten“ Dozierenden möchten Studierende dazu befähigen, auch über das Studium hinaus lebenslang effizient lernen zu können. Sie möchten den Studierenden zeigen, welche Informationsquellen es gibt oder wie sie neue Quellen finden können, wie sie effektiv lesen können, wie sie ihr Lernen und Arbeiten reflektieren und individuell anpassen können. Dozierende können das entweder gekoppelt an die Lehrveranstaltung fördern (z. B. indem sie Lerntagebücher einsetzen) oder auch einfach auf empfehlenswerte Methoden und Gewohnheiten hinweisen.

 

9. Wie kann ich Studierenden Feedback geben, bevor ich ihre Leistung bewerte?

Im Sporttraining erhalten Lernende hunderte, wahrscheinlich sogar tausende Feedbacks, bevor sie jemals in irgendeiner Form geprüft werden. Es ist selbstverständlich, dass etwas Neues nicht auf Anhieb klappt, sondern dass Übung notwendig ist. Auch die „besten“ Hochschuldozierenden teilen diese Sicht. Sie überlegen sich deshalb, wie die Studierenden möglichst viel Feedback zu ihrer Leistung erhalten können, bevor sie bewertet wird: z. B. durch Peerfeedback, Selbsteinschätzungen, Online-Tests, Musterlösungen, Diskussionen, Veröffentlichung von Texten im Internet oder Audio-Feedback bzw. ein kurzes schriftliches Feedback von Dozierenden.

 

10. Wie kann ich Studierende zum Denken anregen?

Anstatt sich zu fragen, was sie „vermitteln“ wollen, stellen sich die besten Dozierenden die Frage, wie sie die Studierenden zum aktiven Denken anregen können. Ihre Kommunikation und methodische Gestaltung der Lehre richten sich also danach, wie sie die Studierenden „am Ball halten“ können. Die Gestaltung von Folien, die Länge von Vorträgen, die Wahl von Metaphern, der Einsatz aktivierender Methoden… jede Entscheidung in der Lehrplanung wird so getroffen, dass die Studierende nicht schlafen, sondern zum Denken angeregt werden.

 

11. Wie werde ich die Qualitätsmerkmale für studentische Leistung festlegen, formulieren und verständlich kommunizieren?

Studierende wie auch Dozierende müssen studentische Leistungen zumindest so weit als möglich objektiv bewerten können. Ist das geleistet worden, was verlangt wurde? Sind die Studierenden fähig, diese Leistung stabil zu zeigen oder entstammt sie einem Zufall? Bewerten Dozierende fair und transparent? Perfektion ist hier nicht zu erwarten. Aber wenn Dozierende sorgfältig formulierte Bewertungskriterien nutzen, dann wird zumindest genauer festgestellt, was Studierende wirklich zu leisten in der Lage sind. Die besten Dozierenden überlegen sich deshalb im Voraus, welche Kriterien sie wählen werden – solche, die die „großen Fragen“ und Kompetenzen widerspiegeln, auch im Bereich des wissenschaftlichen Arbeitens –, wie sie diese verständlich und beobachtbar formulieren, und wann bzw. wie sie diese Kriterien mit den Studierenden besprechen wollen.

 

Fazit: Eine reflektierte Lehrplanung spart Zeit und fördert die Qualität Ihrer Lehre

Wenn Sie sich – wie die „besten“ Dozierenden – bei der Planung Ihrer Lehre fragen, welchen Sinn die Lehre verfolgt, was Ihre Studierenden mitbringen könnten und wie Sie vorgehen möchten, sparen Sie sich letztlich Zeit und Stress bei der Durchführung der Lehre – und Sie gestalten eine motivierende, lernförderliche Lehrveranstaltung.

Natürlich sind diese Fragen nicht “das A und O” des Vorgehens bei der Lehrplanung, die wir Dozent*innen alle haargenau befolgen müssen. Wir können sie einfach als Inspiration nutzen. Persönlich finde ich die erste Frage am ungewöhnlichsten und deshalb am wichtigsten. Und wie geht es Ihnen mit den Fragen? Haben Sie einen Favoriten?

Wir freuen uns über Ihr Feedback und Ihre Fragen! Sie finden uns auf Twitter oder in unserer Facebook-Gruppe.

Speichern Sie sich auch gerne folgende Infografik ab, die die Fragen zusammenfasst (veröffentlicht unter der freien Lizenz CC BY-SA 4.0):

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