“Sie können mit simplen Methoden bereits sehr viel bewirken” – Hochschullehre aus der Sicht einer Studierenden

Gastbeitrag von Bianca Morath

Als Studentin und angehende Bildungswissenschaftlerin hat unsere Praktikantin Bianca Morath eine spannende Perspektive auf die Hochschullehre, die sie hier für uns schildert.

Positive und negative Aspekte der Hochschullehre

Aktuell studiere ich Bildungswissenschaft und Bildungsmanagement im dritten Fachsemester an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. Zudem habe ich vor Kurzem mein Pflichtpraktikum als Instructional Designerin begonnen.
In meiner Studienzeit habe ich bisher viel Interessantes erlebt, was mich reflektieren lässt über die aktuelle Situation an Hochschulen und was Dozierende tun können, um das Lehren und Lernen effektiver zu gestalten.

Im Verlauf meines Studiums habe ich bereits viele positive sowie negative Aspekte der Hochschullehre wahrgenommen. Der Studiengang Bildungswissenschaft und Bildungsmanagement befasst sich damit, wie Lehren und Lernen optimiert werden können. Aufgrund dessen legen viele unserer Dozierenden Wert auf anregende, motivierende Methoden für die Vorlesungs- und Seminargestaltungen. Ein zentraler Aspekt für mich als Studierende ist, dass die Struktur in den Vorlesungen gut erkennbar ist. Dies wird vor allem durch Transparenz gewährleistet, beispielweise durch vorgegebene Lernziele zu den jeweiligen Sitzungen. Somit wissen wir Studierende, was auf uns zukommt und worauf wir uns beim Lernen fokussieren sollten.

Eine Schwierigkeit innerhalb einiger Vorlesungen, die meine KommilitonInnen und ich immer mal wieder erleben, ist das Vortragstempo mancher Dozierenden. Zudem kommen meist vollgepackte PowerPoint-Folien dazu, welche innerhalb von einer Sitzung behandelt werden. Natürlich ist es schwierig, umfangreiche Themen in kurzer Zeit zu vermitteln, jedoch ist die Folge für uns Studierende, dass wir zu viele Inhalte in zu kurzer Zeit aufnehmen müssen und wir während der Veranstaltung von Minute zu Minute weniger mitbekommen. Deshalb empfinden wir es als äußerst notwendig, PowerPoint-Folien so zu gestalten, dass die Kernpunkte auf der Folie stehen, mehr aber nicht. Andernfalls bleibt der Fokus nur noch auf der Präsentation statt auf dem eigentlichen Inhalt, der vermittelt werden soll.

Aktivierende Lehrmethoden in der Sitzung und online

Bei einer Sitzung mit sehr viel Input ist es wünschenswert, auf weitere aktivierende Methoden zurückzugreifen, wie zum Beispiel die Flipped-Classroom Methode oder der Einsatz von mehreren Lernstopps, damit die Studierenden genug Zeit haben, sich mit den Inhalten auseinanderzusetzen.
In einer weiteren Veranstaltung, die mir besonders positiv im Gedächtnis blieb, gab es mehrmals eine kurze Partner- oder Einzelarbeit von zwei bis fünf Minuten nach einem inhaltlichen Input, in der wir die vorherigen Inhalte anhand von wenigen Fragen wiedergeben sollten. Somit wurde geprüft, wie viel wir Studierenden in den letzten 20-30 Minuten verstanden haben. Danach wurden die Fragen innerhalb des Plenums kurz besprochen. Diese Methode empfinde ich als sehr passend, besonders bei komplexen Themen, da offene Fragen während der Partnerarbeit oder während des Plenums geklärt werden können. Zudem ist die Monotonie, die sich schnell während einer Vorlesung einschleichen kann, dadurch dann keine wirkliche Gefahr mehr.

In Sachen Nachbereitung sind meiner Meinung nach Online-Tests oder Aufgaben bezüglich der aktuellen Sitzung sehr nachhaltig für das Lernen. In einer vorherigen Veranstaltung meines Studiums gab es nach jeder Sitzung einen Test als Nachbereitung, den wir im Learning Management System ILIAS beantworten mussten. Dieser Test wurde nicht benotet, er war lediglich ein Teil der Studienleistung und war für uns Studierende sehr nützlich, da wir unseren Wissensstand eigenständig überprüfen konnten. Somit waren wir uns im Klaren darüber, bei welchen Inhalten noch Lernbedarf bestand und welche Inhalte wir schon sehr gut verstanden haben. Zudem sind Online-Tests oder Aufgaben sehr praktisch für die Klausurvorbereitung, da man mit den Fragen bzw. Aufgaben sein Wissen jederzeit prüfen kann.

Fazit: Weniger ist mehr

Werden teure Ressourcen benötigt, um gute, motivierende Lehrmethoden einzusetzen? Die Antwort ist nein. Das Motto „Weniger ist mehr“ findet in diesem Kontext einen passenden Platz. Trotz mangelnder Zeit und Ressourcen können Sie mit simplen Methoden bereits sehr viel bewirken. Die Nutzung des Learning Management Systems der Universität kann sich als sehr nachhaltige Methode erweisen, um Ihre Studierenden auch außerhalb des Vorlesungsraumes beim Lernen zu unterstützen. Gute Lehrmethoden müssen nicht auf teuren Ressourcen basieren. Meist reicht es, wenn Sie Transparenz und Struktur in Ihre Veranstaltung miteinbringen. Aktivierende Methoden wie Vorwissensaktivierungen, Problemorientiertes Lernen und Flipped-Classroom können bereits dazu beitragen, Ihre Studierenden beim Lernen zu unterstützen und zu motivieren.

Die Uni Freiburg. Foto von AlterVista über Wikipedia unter der Lizenz CC BY-SA 3.0.

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Was können Hochschuldozierende von Kampfkunst-TrainerInnen lernen?

Seit November 2019 leite ich gemeinsam mit einem Kollegen das Anfängertraining in Wing Chun und Taekwondo an meiner Kampfkunstschule in Offenburg. Als Hochschuldozentin und Instructional Designer konnte ich schon beim ersten Training gar nicht anders, als meine Rolle als Trainerin mit meinen Erfahrungen als Hochschuldozentin zu vergleichen. Deshalb lade ich Sie heute ein zu einem Ausflug in die Welt der Kampfkunst. Was können wir von TrainerInnen in einem sportlichen Kontext lernen?

1. Das ständige Geben und Einholen von Feedback

Im Kampfkunsttraining arbeiten wir in kleinen Gruppen – TrainerInnen und SchülerInnen sind manchmal sogar im 1:1-Verhältnis. Das erlaubt es uns, den SchülerInnen ständig Feedback zu geben. Während sie Bewegungen ausführen, geben wir Anweisungen und korrigieren die Haltung. Die SchülerInnen geben sich auch gegenseitig Feedback. Es wäre undenkbar, dass es zu einer Übung kein einziges Feedback gibt. Schätzungsweise sind eher 2-5 Feedbackschlaufen pro Übung üblich. Die SchülerInnen können jederzeit Fragen stellen, und wir fragen sie auch, wie sie unsere Anweisungen wahrnehmen. Das Feedback, egal ob positiv oder negativ, ist stets handlungsbezogen und nie auf die Person gerichtet.

Hochschuldozierende und Studierende stehen wohl so gut wie nie im 1:1-Verhältnis, sondern in den meisten Fällen eher im Verhältnis von 1:25 oder gar 1:250 – deshalb werden wir wohl nie so viel Feedback anbieten können wie KampfkunsttrainerInnen. Allerdings können wir probieren, häufigeres Feedback anzubieten – und sei es „nur“ Peerfeedback, eine Musterlösung, Diskussion der Erfahrungen, Positiv- oder Negativbeispiele… Und auch in der Lehre gilt: Wir sollten unser Feedback auf die Handlung beziehen und den Studierenden zeigen, dass Fehler kein Problem sind.

2. Der Glaube an das heterogene Potential aller Lernenden

Die Gründer meiner Kampfkunstschule haben erkannt, dass alle KampfkünstlerInnen unterschiedliche Persönlichkeiten und Stile haben. Aus dieser Erkenntnis entwickelten sie ein Modell der fünf Elemente, das besagt, dass jede Persönlichkeit eine einzigartige Mischung von fünf Elementen – Erde, Feuer, Wasser, Luft, Blitz – aufzeigt. Entsprechend bewegen sich Menschen je nach Element eher blitzschnell, aggressiv, defensiv, standhaft, fließend usw.

Diese Heterogenität wird im Training geschätzt und gefördert. Wir alle – TrainerInnen wie SchülerInnen – werden dazu ermutigt, unser „Hauptelement“ zu entdecken und die entsprechenden Stärken auszunutzen. Die ebenfalls vorhandenen Schwächen müssen wir natürlich ausgleichen. Es gibt also keine „falschen“ Elemente. Die Bezugsnorm für Erfolg ist individuell, das heißt, es zählt nur, ob man seine eigene Leistung verbessert hat. Der soziale Vergleich ist nicht wichtig – darauf weisen wir auch explizit hin.

Auch Hochschuldozierende können von eigenen Fehlern und Entwicklungen erzählen und explizit darauf hinweisen, dass die persönliche Entwicklung zählt (das sollte sich möglichst auch im Leistungsnachweis widerspiegeln), dass jede/r es mit der Zeit schaffen kann, und dass es unterschiedliche Wege gibt, als WissenschaftlerIn bzw. Berufstätige/r „erfolgreich“ zu sein. Eine Wertschätzung des heterogenen Potentials aller Studierenden halte ich auch an Hochschulen für unverzichtbar.

3. Lernen muss Spaß machen

Training muss Spaß machen – bei einer düsteren, unfreundlichen Stimmung wäre die Kampfkunstschule wohl bald pleite. Im Sport duzt man sich generell, was die Hierarchie zwischen TrainerInnen und SchülerInnen abbaut. In meiner Kampfkunstschule wird besonders viel Wert auf Humor gelegt, auch auf die Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können. Sogar in anstrengenden Situationen, die buchstäblich schweißtreibend sind, können wir einen Grund finden, um zu lachen.

Gerade in Deutschland gibt es die Tendenz, eher ernst und förmlich zu sein. Meiner Erfahrung nach schätzen es Studierende, wenn Dozierende  ihnen auf Augenhöhe begegnen und ab und zu ihren Humor hervorkommen lassen. Natürlich ist auch hier wichtig, authentisch zu sein und sich nicht zu verstellen.

4. Man lernt nie aus

Es gibt kein wirklich endgültiges Ziel in der Kampfkunst. Man kann immer noch ein bisschen besser, schneller oder stärker werden. Ich trainiere AnfängerInnen, bin aber größtenteils selbst noch Schülerin und werde dies ein Leben lang bleiben. Meine TrainerInnen lernen auch noch weiter. Selbst die Weltbesten in jedem Sport suchen sich immer neue Herausforderungen und tauschen sich gerne mit anderen aus. Als Hochschuldozierende sollten wir uns nicht als „fertige“ WissenschaftlerInnen darstellen, die den „unfertigen“ Studierenden etwas zu erzählen haben. Wir sind zwar weiter als die Studierenden, aber wir reisen alle auf einem langen Weg. Eine solche Haltung zu kommunizieren, zeigt den Studierenden, dass Fortschritte möglich sind und nimmt ihnen den Perfektionsanspruch, der bekanntermaßen zu Prokrastination und Ängsten führen kann.

5. Das „Warum“ steht im Vordergrund

Bei der Kampfkunst steht die praktische Anwendung im Vordergrund. Die häufigste Frage der SchülerInnen lautet „Wieso?“ Im Training erklären wir immer und immer wieder, wieso wir bestimmte Dinge tun und wie die Übungen sich auf einen echten Kampf übertragen ließen. Dass es aber oft erhebliche Unterschiede zu einem realen Kampf gibt, machen wir auch deutlich.

Diese Lektion aus dem Training finde ich am allerwichtigsten für Hochschuldozierende: Das „Warum“ sollte stets im Vordergrund stehen. Warum diese Inhalte, diese Aktivität? Wo gibt es praktischen Bezug, wo gibt es Unterschiede zur Praxis? Wenn Studierende die Relevanz von Inhalten und Arbeitsaufträgen verstehen, sind sie motivierter und bauen reichhaltige mentale Modelle auf, die sie später in der Praxis wirklich nutzen können.

Fünf Dinge, die Hochschuldozierende von Kampfkunst-TrainerInnen lernen können

Hier sind also nochmal zusammengefasst die fünf Faktoren, die aus meiner Sicht sowohl in einer Kampfkunstschule als auch in einem Hörsaal erheblich zum Lernerfolg und zur Motivation beitragen:

  1. Möglichst oft Feedback geben und nehmen
  2. Heterogenität wertschätzen und fördern
  3. Mit Freude und Humor lehren
  4. Den eigenen Lernprozess vorantreiben und mit den Lernenden teilen
  5. Die Relevanz von Inhalten und Aktivitäten möglichst oft verdeutlichen

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“Gute Lehre braucht Unterstützung und Wertschätzung – auch seitens der Professor/innenschaft”

Interview mit Katja Reinecke

An der FU Berlin ist Dr. Katja Reinecke als Koordinatorin der Lehrqualifizierung SUPPORT für die Lehre tätig. Im Interview erzählt sie uns von ihren Erfahrungen mit der hochschuldidaktischen Weiterbildung von und für ProfessorInnen in einem Blended-Learning-Format.

UH: Frau Reinecke, Sie haben ein Programm in der Hochschuldidaktik speziell für die Zielgruppe der Professorinnen und Professoren entwickelt. Wie haben Sie denn versucht, deren spezielle Situation dabei zu berücksichtigen?

KR: Wir haben uns für ein Angebot entschieden, das ausschließlich Professorinnen und Professoren offen steht. Dabei war eine folgende Überlegung grundlegend: In der Präsenzebene sollte das Peer-Lernen betont werden, dafür ist ein hohes Maß an Offenheit und Austausch in der Gruppe notwendig. Ein/e Professor/in kann auch durchaus von einem/r wissenschaftlichen Mitarbeitenden lernen, aber eventuell fällt es den Teilnehmenden unter „Gleichen“ leichter, sich zu öffnen und ggf. eigene Unsicherheiten auch zu thematisieren. Daher kam die Idee, ein Programm speziell für diese Zielgruppe zu entwickeln.

Dass Professorinnen und Professoren im Vergleich zum Mittelbau eine andere Situation haben, scheint zunächst offensichtlich, jedoch war die genaue Definition dieser „speziellen Situation“ nicht ganz einfach. Es handelt sich um eine zeitlich sehr eingespannte Personengruppe, mit sehr unterschiedlichen Aufgaben – darunter ist die Lehre nur eine. Die Terminverfügbarkeit ist gering und hochschuldidaktische Veranstaltungen haben nicht automatisch die höchste Priorität. Andererseits handelt es sich um eine Teilnehmendengruppe, die das selbstgesteuerte Lernen und die eigenständige Wissensverarbeitung sehr gewöhnt ist. Aus diesen Gründen lag ein Blended-Learning-Konzept nahe, um den Bedürfnissen der Professorinnen und Professoren gerecht zu werden.

Angemeldete Teilnehmende werden von uns vorab zu ihren Bedarfen, Wünschen und Erwartungen an das Programm befragt. Wir sprechen die Zielgruppe ganz klar stärkenorientiert an, richten uns also explizit an erfahrene Lehrende, die engagiert sind, um sich auch nach längerer Berufserfahrung (erneut) mit Fragen der Lehre auseinanderzusetzen. Wir wollen den Teilnehmenden keine Nachhilfe oder Belehrungen anbieten, sondern die Möglichkeit geben, an eigenen Fragestellungen weiterzuarbeiten und in Austausch mit anderen erfahrenen, engagierten Lehrenden – auch aus anderen Fachbereichen –  zu treten.

Wir haben außerdem sehr viel individuellen Gestaltungsspielraum im Konzept belassen, die Teilnehmenden wählen online unter verschiedenen Modulen aus und bringen in der Präsenzzeit ihre eigenen Themen ein. Wir haben uns gegen ein fixes Curriculum entschieden und sehen unsere inhaltlichen Angebote eher als Anreiz und Ermöglichung. Grundsätzlich hoffen wir, dass durch das Peer-Austausch-Format auch eine Haltung unter den Lehrenden gefördert wird, dass Lehre und Didaktik durchaus thematisieren werden können und sollen. Wenn die Professorinnen und Professoren die eigene Lehre als Bereich ansehen, in dem professionalisierende Entwicklung nicht nur zeiteffizient möglich ist, sondern sich auch lohnt und wünschenswert ist – dann sind wir zufrieden.

Welche Erfahrungen haben Sie bisher mit diesem Format gemacht?

Wie bei dieser Zielgruppe erwartet, waren die Anmeldungen zu Beginn eher zurückhaltend. Darum sprechen wir teilweise von uns aus aktiv Lehrende an, die uns in anderen Kontexten durch besonderes Engagement oder Interesse an Lehre/Didaktik aufgefallen sind.

Die Rückmeldungen der bisherigen Teilnehmenden sind durchgehend positiv. Die Trainerin ist ebenso mit dem Konzept für erfahrene Lehrende zufrieden; sie beschreibt aber auch die Herausforderungen der offenen Herangehensweise, die in besonderem Maße auf die individuellen Anforderungen und Bedürfnisse der Teilnehmenden eingeht. Inhaltlich sind die Fragen, die sich Professor/innen stellen, nicht grundsätzlich andere als die der Nachwuchswissenschaftler/innen: Wie gehe ich mitheterogenen Studierendengruppen um?; Wie gestalte ich einen abwechslungsreichen Medieneinsatz?; Wie ‘ermüde’ ich nicht an einer Vorlesung, die ich jedes Semester wieder anbiete? u.ä.

Bei welchen Bausteinen Ihres Konzeptes würden Sie sagen „Ja, genau so ist es gut.“? An welchen Bausteinen arbeiten Sie noch bzw. würden Sie es heute anders machen?

Wir konnten die Bausteine inzwischen in mehreren Durchgängen testen und sind mit den Inhalten generell zufrieden. Derzeit sitzen wir an der Weiterentwicklung und wollen insbesondere die Passung zwischen online angebotenen Inhalten und Präsenzphase konzeptionell stärken

Grundsätzlich fehlen uns momentan präzisere Rückmeldungen darüber, wie die Teilnehmenden mit den Inhalten und der Form des Onlineangebots zurechtkommen. Neben der persönlichen Evaluation am Workshopende werden wir in Zukunft auch anonymisiert die Nutzerzugriffe und das Downloadverhalten unserer Webpräsenz auswerten.

Was ist Ihr Fazit zur hochschuldidaktischen Weiterbildung von Professorinnen und Professoren?

Wir sehen diese absolut als lohnenswert an, auch wenn es bei der Werbung und Weiterentwicklung des Blogs etwas mehr Durchhaltevermögen und Zeit benötigt. Die Rückmeldungen der Teilnehmenden und der Trainerin bestätigen uns die Relevanz unseres Angebots. Gute Lehre braucht Unterstützung und Wertschätzung – auch seitens der Professor/innenschaft, die ja einen großen Einfluss auf die Lehrqualität und Lehrentwicklung in den Fachbereichen haben. Wir bieten ein hochwertiges Programm an und werden uns weiter dafür einsetzen, dieses Angebot  bekannt zu machen und zu verbreiten. Unser Ziel ist,  die Bedingungen, unter denen Lehre stattfindet zu verbessern und zur Entwicklung von Lehrqualität beizutragen. Das ist nur gemeinsam mit den Professorinnen und Professoren sowie mit Unterstützung der Hochschulleitung möglich.

Vielen Dank für das tolle Gespräch!

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“Das wichtigste ist der Willen, gute Lehre machen zu wollen und diese Zeit nicht als Zeitverschwendung anzusehen”

Interview mit Dorothea Kaufmann

Als promovierte Molekularbiologin ist Dorothea Kaufmann als Studienkoordinatorin und Dozentin am Institut für Pharmazie und Molekulare Biotechnologie an der Uni Heidelberg tätig. Ihre Aufgaben reichen von der Curriculumsgestaltung über die Qualitätssicherung bis zur Entwicklung und Durchführung innovativer Lehrkonzepte. Im Interview erzählt sie uns von ihrer Sicht auf die Lehre in den Naturwissenschaften sowie ihren spannenden Projekten.

UH: Dorothea, Du arbeitest derzeit an einem Test für die Studierfähigkeit von Pharmazie-Studierenden. Wie kam es dazu? Und wie wird das funktionieren?

DK: Im Dezember 2018 wurde vom Bundesverfassungsgericht entschieden, dass das Auswahlverfahren zum Medizin- und Pharmaziestudium den grundrechtlichen Anspruch der Studienplatzbewerber auf gleiche Teilhabe am staatlichen Studienangebot verletzt und somit in einigen Bereichen mit dem Grundgesetz unvereinbar ist. Deshalb müssen nun Bund und Länder die Auswahlkriterien neben der Abiturnote neu regeln.

Vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg erhielten die Universitäten, die das Studienfach Pharmazie anbieten – Heidelberg, Freiburg und Tübingen – den Auftrag, den Studierfähigkeitstest „PhaST“ zu entwickeln. Gemeinsam mit meiner Doktorandin Clara Schütte, die aus der Psychologie kommt und Spezialistin für Eignungsdiagnostik ist, haben wir die Fragen für den Teil Biologie entwickelt. Die Freiburger sind für Mathematik und Physik zuständig, aus Tübingen kommen die allgemeinen Fragen sowie die zur Chemie.

Der ganze Prozess war sehr kompliziert und nervenaufreibend, für mich war dies die erste Zusammenarbeit direkt mit dem Ministerium und über meine Uni hinaus. Aufregend war, den Staatsvertrag mitzuverhandeln, der regelt, welche Gewichtung „PhaST“ in den Auswahlverfahren am Ende haben wird.  

Zum Glück haben wir mit der Firma ITB, die auch den „Medizinertest“ TMS anbietet, einen erfahrenen Partner an Bord. So kann „PhaST“ ab März dieses Jahres starten – die ersten Interessent*innen haben sich bereits angemeldet. In den universitätseigenen Auswahlverfahren wird dann auch die Note aus dem Test für das Ranking herangezogen, die Teilnehmer*innen an „PhaST“ verbessern so ihre Chancen auf einen Studienplatz. Aktuell verhandeln wir auch mit Universitäten außerhalb von Baden-Württemberg, die gerne „PhaST“ nutzen wollen. Mein Ziel ist, dass bis 2021 alle 22 Universitäten, die Pharmazie als Studienfach anbieten, bei „PhaST“ mitmachen.

Du hast ja auch viele Hochschuldidaktik-Workshops besucht und das Zertifikat Hochschullehre des Landes Baden-Württemberg erworben und wurdest 2016 mit dem Ars-legendi Fakultätenpreis für exzellente Lehre in den Biowissenschaften ausgezeichnet. Da hast Du in den Workshops sicher viel Kontakt mit Lehrenden aus anderen Disziplinen gehabt. Was, denkst Du, ist anders beim Lehren in den Naturwissenschaften anders als in anderen Disziplinen?

Der Kontakt mir Kolleg*innen aus anderen Disziplinen war für mich immer sehr bereichernd. Der maßgebliche Unterschied in der Lehre zwischen Natur- und den Geistes- und Sozialwissenschaften ist für mich, dass es bei uns eine feststehende Lehrmeinung gibt, in den anderen Disziplinen ist dies oft viel fluider. Unsere Studierenden müssen wahnwitzige Mengen an Fachwissen in sehr kurzer Zeit verinnerlichen, hier kommt es vor allem darauf an, sie zum selbstgesteuerten und eigenverantwortlichen Lernen zu motivieren. Ich will nicht behaupten, dass dies in anderen Fächern anders wäre, aber im Gespräch mit Kolleg*innen aus anderen Fächern habe ich oftmals für großes Erstaunen gesorgt, wenn ich erwähnt habe, dass das Lehrbuch, auf dem meine Grundvorlesung aufgebaut ist, 1.600 Seiten hat.

In den Naturwissenschaften haben wir den immensen Vorteil, dass alles, was wir lehren, anwendungsbezogen ist. Die Natur, die Welt, unsere Körper funktionieren und wir können erklären, wie. So kann ich für jede Grundlagenvorlesung viele Beispiele aus Medizin und Technik heranziehen, das macht die Wissenschaft „greifbar“ und erleichtert den Studierenden das Verständnis.

Was würdest Du Kolleginnen und Kollegen aus naturwissenschaftlichen Disziplinen bezüglich der Gestaltung von Lehre als wesentliche Tipps mitgeben?

Man muss sich darüber klar sein, dass man selbst nicht das Maß der Dinge ist. Wir stehen als Dozent*innen vor Studierenden, weil wir „es geschafft haben“, weil wir zu den besten unseres Fachs gehören. Doch die, die vor uns sitzen, sind viel diverser und wir müssen alle dabei unterstützen, den Unterrichtsstoff verstehen zu können.

Eigentlich ist es ganz einfach: 20 Minuten spreche ich, dann gibt es eine kurze Murmelphase, in der die Studierenden kurz untereinander Fragen klären können, die dann noch offenen Fragen werden im Plenum besprochen und dann geht es wieder weiter mit Informationen von mir. Viele Beispiele, gerne auch ein Lehrfilm zur Abwechslung. Das wichtigste ist aber der Willen, gute Lehre machen zu wollen und diese Zeit nicht als Zeitverschwendung anzusehen.

Mir haben meine Zellkulturflaschen nie gesagt, dass sie eine tolle Zeit hatten – von meinen Studierenden höre ich dies hingegen regelmäßig.

Was sind Deine nächsten Projekte im Kontext Studium, Lehre, Studierende?

Wenn „PhaST“ läuft, kann ich mich endlich auf mein neues Projekt stürzen: Serious Games und Virtual Reality (VR). Gemeinsam mit der Hochschule der Medien in Stuttgart entwickle ich Lehrinhalte in VR, die dann innerhalb eines Serious Games erlebt werden können. Wer Spiele wie Plague Inc. kennt, kann sich vorstellen, wie das Ganze aussehen soll. Auf den ersten Blick klingt dies wie eine Spielerei, aber gerade hochkomplexe Prozesse wie die Krebsentstehung lassen sich nur unzureichend in 2D erklären. Mittels eines Serious Games können die Studierenden dann sogar selbst aktiv werden und Wissen im wahrsten Sinn des Wortes „gewinnen“.

Außerdem werde ich dieses Jahr meine Habilitation in der Fachdidaktik der Biologie an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg unter der Betreuung von Prof. Dr. Lissy Jäkel abschließen. Hierfür habe ich eine Lern-App namens „MoBiLe“ (Mobil Biologie Lernen) entwickelt, die die Studierenden auf das Studium vorbereitet und auch während des Studiums weitergenutzt werden kann. Für meine Habilitation habe ich die Auswirkung von „MoBiLe“ auf die Selbstwirksamkeitserwartung, die Motivation und verschiedene Diversitätsfaktoren untersucht und ich freue mich sehr darüber, dass mittlerweile auch Kolleg*innen aus der Mathematik, Chemie und Pharmakologie meine App für ihre Lehrveranstaltungen nutzen.

Als Privatdozentin werde ich dann natürlich auch den Blick über Heidelberg hinaus schweifen lassen und neue Herausforderungen suchen – mein Ziel ist eine Professur für Fachdidaktik direkt am entsprechenden Fach, doch ich könnte mir auch die Leitung eines Studiendekanats vorstellen. Was auf jeden Fall sicher ist: Ohne Lehre will ich nicht leben, denn sie ist nach wie vor das, was ich am allerliebsten mache.

Vielen Dank für das spannende Gespräch!

Über LinkedIn oder ResearchGate können Sie sich mit Dorothea Kaufmann vernetzen.

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Rezension: „Mein Start in die Hochschullehre – Ratgeber für Erstlehrende“

„Mein Start in die Hochschullehre – Ratgeber für Erstlehrende“ von Andrea Klein und Natascha Miljković, erscheinen im Hauptverlag Bern, utb, 2019

Mit ihrem Buch „Mein Start in die Hochschullehre – Ratgeber für Erstlehrende“ bieten Andrea Klein und Natascha Miljković eine Unterstützung für alle an, die eine Tätigkeit im wissenschaftlichen Mittelbau oder als Lehrbeauftragte an einer Universität oder Hochschule beginnen. Die Autorinnen geben konkrete Tipps von der Orientierung am neuen Arbeitsplatz bis hin zur Karriereplanung. Dazwischen finden sich Kapitel zu Unterstützungsmöglichkeiten für Lehrende, wie z.B. Hospitationen und hochschuldidaktische Angebote, zum Erhalten und Geben von Feedback, zum Anleiten wissenschaftlichen Arbeitens und zum Betreuen wissenschaftlicher Arbeiten bis hin zur Positionierung zwischen Lehre und Forschung.

Das Buch umfasst vier Teile:

Teil I „Mein Start als Lehrperson“, gibt Tipps und Hilfestellung, wie man sich als Anfängerin oder Anfänger im Wissenschaftsbetrieb einen Überblick verschafft und das System zu verstehen lernt. Außerdem werden die zentralsten Grundlagen des Gestaltens von Lehrveranstaltungen und das Erhalten und Nutzen von Feedback thematisiert.

Teil II „Studierende beim wissenschaftlichen Arbeiten optimal anleiten“ thematisiert, wie Lehrende Studierende zum wissenschaftlichen Arbeiten anregen können.

In Teil III „Wissenschaftliche Arbeiten betreuen“ geht es darum, wie Studierende beim Anfertigen wissenschaftlicher Arbeiten betreut werden können. Dieser Teil umfasst auch ein Kapitel zum Umgang mit Unredlichkeit im Kontext wissenschaftlicher Arbeiten, also konkret zum Umgang und zur Vermeidung von Plagiaten und Ghostwriting.

Teil IV thematisiert den Spagat zwischen Lehre und Forschung, den viele wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erleben.

Eine Fülle von konkreten Vorschlägen, Ideen und Methoden, die nicht nur für Einsteigerinnen und Einsteiger in die Hochschullehre interessant sind, bieten vor allem die Teile II bis IV, also Teil II zum Anleiten zum wissenschaftlichen Arbeiten von Andrea Klein, Teil III zum Betreuen wissenschaftlicher Arbeiten und dem ausführlichen Kapitel zum Thema Plagiat von Andrea Klein und Natascha Miljković und der Teil IV zur Positionierung zwischen Lehre und Forschung von Natascha Miljković. Dort wird den Fragen nachgegangen, wie man Studierende in Lehrveranstaltungen dabei unterstützt, wissenschaftliches Arbeiten zu erlernen, wie man einen Betreuungsprozess bei wissenschaftlichen Arbeiten gestaltet und wie man als Mitarbeiterin oder Mitarbeiter im wissenschaftlichen Mittelbau geschickt und karriereförderlich mit gestellten Anforderungen hinsichtlich Lehre, Forschung sowie dem Wissenschaftsbetrieb meistert.

Insbesondere diese drei der insgesamt vier Teile des Buches weisen die Expertise der jeweiligen Autorin in den in Frage stehenden Feldern nach und sind, wie schon gesagt, nicht nur für Anfängerinnen und Anfänger im Wissenschaftsbetrieb interessant und wertvoll, sondern gleichsam für alte Häsinnen und Hasen; zumal derzeit aus meiner Sicht keine anderen Werke vorliegen, die insbesondere die Themen des Anleitens zum wissenschaftlichen Arbeiten und zur Positionierung im Wissenschaftsbetrieb für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in dieser Art systematisch aufbereiten.

Aus diesem Grund ist der Titel dieses Buches aus meiner Sicht zu einschränkend gewählt. Er suggeriert, dass sich das Buch ausschließlich an Einsteigerinnen und Einsteiger in die Hochschullehre wende. Ich persönlich sehe aber erstens diese Einschränkung der Zielgruppe als nicht notwendig an – das Buch ist wie gesagt aus meiner Sicht auch für erfahrenere Wissenschaftler*innen interessant – und zweitens liegt der Fokus des Buches aus meiner Sicht auch nicht primär oder gar ausschließlich auf der Lehre, sondern vielmehr auf einer Tätigkeit im wissenschaftlichen Mittelbau, die neben der Lehre eben auch den Wissenschaftsbetrieb mit seinen Spezifika und die Forschung umfasst.

 

Mein Fazit deshalb:

Andrea Klein und Natascha Miljković haben ein sehr wertvolles Buch für alle wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vorgelegt, die

  • systematisch wissenschaftliches Arbeiten lehren,
  • wissenschaftliche Arbeiten systematisch betreuen und sich nicht von Unredlichkeit/Plagiat der Studierenden überraschen lassen wollen, und die
  • die komplexen Anforderungen einer Tätigkeit im wissenschaftlichen Mittelbau erfolgreich meistern möchten.

Auch für Menschen, die wissenschaftlich Arbeitende coachen, oder Hochschuldidaktikerinnen und Hochschuldidaktiker wie mich ist dieses Buch wertvoll. Ich werde es künftig in all meine Kurse zu Themen rund um das Gestalten von Lehrveranstaltungen mitnehmen, da das Anleiten zum wissenschaftlichen Arbeiten dort jeweils Thema ist, aber bisher kaum einer systematischen Betrachtung unterzogen wurde. Hierfür bietet dieses Buch eine gute Voraussetzung.

 

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“Letztlich wird sich nur etwas ändern, wenn die Lehre mehr Wertschätzung erhält”

Schon vor einem Jahr erschien Ninas Interview mit mir. Nun ist es höchste Zeit, dass auch Nina ein paar Fragen beantworten muss. Wir haben uns neulich über ihre Erfahrungen im Studium unterhalten, die sie inzwischen aus der Sicht einer Berufstätigen und Instructional Designerin bewerten kann.

Uli: Nina, Du hast 2018 Deinen Masterabschluss an der Uni Freiburg gemacht. Wenn Du zurückblickst: Wie gut hat Dich aus Deiner Sicht die Universität auf die Zukunft vorbereitet?

Nina: Ich bin grundsätzlich zufrieden damit, wie wir auf das „echte Leben“ vorbereitet worden sind. Ich denke, da gibt es Studiengänge, wo wesentlich mehr Potential verloren geht. Was ich in meinen Studiengängen geschätzt habe, war die Priorisierung von Verständnis und Anwendung. Es gab selten Klausuren, wo wir auswendig lernen mussten, selbst in der Statistik haben wir meistens eher praktische Tätigkeiten geübt. Im Master gab es sogar ein Forschungspraktikum. Es wurden sehr oft Lerntagebücher und Portfolios geschrieben oder Concept Maps entworfen, das war sehr wertvoll, um einen Überblick über das Gelernte zu bekommen und eine eigene Position zu den Inhalten des Studiums zu finden. Ich schlage heute noch oft in meinen alten Lerntagebüchern Dinge nach. Im Studium habe ich also wenig „träges Wissen“ erworben, das mir heutzutage nicht mehr verfügbar ist, sondern vielmehr ein persönliches und relativ robustes mentales Netzwerk aus zahlreichen Modellen und Theorien entwickelt.

Zukunftsträchtig waren auch die vielen praktischen Erfahrungen: Im Bachelor musste man 12 Wochen Praktikum absolvieren, das habe ich zwar damals etwas ungern in Angriff genommen, aber nachträglich war das natürlich eine unheimlich wertvolle Erfahrung. Es gab im Bachelor wie auch im Master jeweils eine Lehrveranstaltung, in der man an einem Projekt mit richtigen Auftraggebern von außen zusammenarbeiten durfte. Das war ganz lehrreich und intensiv. Diese Projektarbeit bildete für uns einen geschützten Raum, in dem man Erfahrungen sammeln und Dinge ausprobieren durfte – schließlich zählte am Ende nicht, wie im Beruf, die Meinung des Auftraggebers, sondern nur die des Dozenten. Diese Projektarbeiten waren teilweise sehr herausfordernd, auch weil die Gestaltung der Zusammenarbeit im studentischen Team nicht immer einfach war. Aber nur so haben wir an unseren Sozialkompetenzen, methodischen Kompetenzen, an der Kreativität und Kooperation arbeiten können…

Super fand ich auch, dass das Studium trotzdem nicht allzu viel Zeit in Anspruch genommen hat und ich nebenher immer jobben konnte. Ich habe sehr schnell einen Hiwi-Job an unserem Institut ergattert und so natürlich noch viel mehr Erfahrungen gesammelt. Zusätzlich hatte ich fast immer einen zweiten Job. Diese waren zwar nicht immer unmittelbar fachlich relevant – ich war z. B. International Tutor für das Studierendenwerk oder Hilfskraft in der Verwaltung eines Fraunhofer-Instituts – aber auch dort habe ich ganz viel fürs Leben gelernt. Und die Jobs, die fachlich relevant waren – wie meine Zusammenarbeit mit Dir! – waren natürlich am allerschönsten. Ich finde es wichtig, dass ein Studium Raum lässt für solche Erfahrungen. Wenn ich mir anschaue, wie es Studierenden geht, die während ihres Studiums aus unterschiedlichen Gründen kaum berufliche oder praktische Erfahrungen sammeln konnten, dann bin ich ganz schön froh, dass ich nicht so ins kalte Wasser springen musste nach meinem Abschluss.

Uli: Was hat aus Deiner Sicht gefehlt? Und warum?

Nina: Gefehlt hat bei uns natürlich auch einiges. Die Lehre war zu repetitiv, es hätte viel mehr Abwechslung geben können. Man merkte einfach, dass die Dozierenden an ihren Promotionen gearbeitet haben und deshalb keine Zeit und Lust hatten, um ein Flipped Classroom oder Projektbasiertes Lernen für uns zu entwickeln. Es scheint mir, als hätte sich dieses Problem mit der Zeit sogar verschlimmert: Es wurden nach und nach immer mehr Seminare angeboten, die für uns inhaltlich gar nicht relevant waren, weil sie stark auf die Schule fokussiert waren. In unseren Studiengängen geht es per Definition eigentlich nur um die Erwachsenenbildung. Aber unser Institut bildet auch Lehramtsstudierende aus. Wenn man uns in Seminare schickt, die eigentlich für die LehrämtlerInnen gedacht sind, spart das natürlich ganz schön viel Geld. Und so kam es, dass wir immer häufiger zusammen mit Lehramtsstudierenden in irgendwelchen komischen Lehrveranstaltungen saßen, die vom Konzept her so verdreht wurden, dass es auf Papier sinnvoll erschien. In der Realität war es natürlich alles andere als sinnvoll. Die LehrämtlerInnen haben übrigens auch darunter gelitten.

Außerdem fehlte mir im Studium immer wieder die Tiefe und Herausforderung. Es war nicht schwer, gute Noten zu bekommen, viele KommilitonInnen haben sich durch das Studium „gechillt“. Diskussionen blieben oft etwas oberflächlich, viel zu oft wurden Inhalte in mehreren Lehrveranstaltungen wiederholt, weil keine Absprache zwischen den Dozierenden stattgefunden hat. Die fehlenden Ressourcen haben dazu geführt, dass „ausreichend gute“ Lehre geplant wurde und nicht eine wirklich qualitative Lehre. Heute ist mir erst bewusst, wie viel mehr ich hätte im Studium lernen können. Es ist schon schade, dass dieses Potenzial verloren ging! Aber wie gesagt: Es hätte auch viel schlimmer sein können.

Uli: Hättest Du als Studenten auch mehr zu Deiner Weiterentwicklung beitragen können?

Nina: Ja, ich bedauere, dass ich nicht früher meine Lernprozesse und Literatur besser verwaltet habe. Ich hätte gerne früher angefangen, Citavi zu nutzen – so richtig nötig war das erst bei der Masterarbeit. Außerdem hätte ich gerne für mich mehr persönlich reflektiert, überlegt, was mir wichtig ist und was ich in die Zukunft mittragen möchte. Dazu hätte ich regelmäßig Lerntagebücher schreiben können, aber nur für mich selbst, nicht für im Rahmen der Seminare. Das wichtigste Wissen hätte ich dann gerne für mich auswendiggelernt – denn das habe ich neulich angefangen und ich empfinde es wirklich als Bereicherung, sich auf einer ganz persönlichen Art und Weise strukturiert weiterzubilden.

Die Uni Freiburg. Foto von AlterVista über Wikipedia unter der Lizenz CC BY-SA 3.0.

Uli: Wie sollte sich aus Deiner Sicht die universitäre Lehre in den nächsten Jahren verändern, um die Studierenden auf die Zukunft vorzubereiten?

Nina: Hochschulen müssen Weiterbildungen – nicht nur Workshops, sondern auch Onlinekurse – bereitstellen, um Dozierende systematisch auf eine Lehrtätigkeit vorbereiten. Lehrveranstaltungen müssen sinnvoll, nicht mit „One Size Fits All“-Evaluationsbögen evaluiert werden. Und es muss dringend mehr Absprache unter den Dozierenden her. Es kann nicht sein, dass Inhalte im Studium drei oder vier Mal als etwas Neues präsentiert werden. Aber all das kostet die Dozierenden Ressourcen – diese müssen erstmal freigeräumt werden. Letztlich wird sich nur etwas ändern, wenn die Lehre mehr Wertschätzung erhält. Diese Wertschätzung muss sich in der Hochschullandschaft kulturell verankern, aber auch wirtschaftlich im Sinne von Arbeitszeit und Gehalt widergespiegelt werden. Ich bin der Meinung, dass Dozierende generell schon gute Lehre machen werden, wenn man ihnen die Zeit, das Gehalt und etwas unterstützende Ressourcen gibt. Übergreifende Projekte, die von oben zu viel Struktur vorgeben und den Dozierenden ihre Freiheiten rauben, gehen in die falsche Richtung.

Uli: Welchen ganz konkreten Tipp würdest Du als Instructional Designerin Dozierenden geben, wenn diese ihre Lehre zukunftsfähig halten und machen möchten?

Nina: Ganz konkret sollte sich wirklich jede/r mit einem oder mehreren innovativen Lehrkonzepten auseinandersetzen, die die Studierenden aktivieren, wie dem projektbasierten, problembasierten oder forschenden Lernen, dem Working-Out-Loud, Service Learning oder natürlich Flipped Classroom. Selbst wenn man „nur“ eine dieser Methoden kennt und angemessen umsetzen kann, verbessert sich die Qualität der Lehre massiv. Natürlich braucht es etwas Zeit, sich darin einzuarbeiten, das ist klar. Und bei der ersten Durchführung wird es vielleicht etwas ungewöhnlich sein und irgendwo hapern. Aber unter dem Strich spart man damit sogar Zeit und Aufwand. Denn diese Lehrkonzepte verändern ja die Rolle der Dozierenden: Anstatt als ExpertIn für alle Inhalte dazustehen – was ja schon anstrengend ist, gerade für Promovierende, die selbst erst vor kurzem ihren Abschluss erlangt haben – ist man nun BegleiterIn und ExpertIn für den Prozess. Die Studierenden erhalten mehr Verantwortung für die inhaltliche Ausarbeitung, als Dozent/in steuert man eher. Mithilfe von Online-Lernumgebungen und der zahlreichen Lernmaterialien, die es heutzutage gibt, kann man sich somit sehr viel Arbeit sparen, vor allem bei wiederholten Durchführungen. So kann jede und jeder Dozierende dazu beitragen, dass die Lehre zukunftsfähig wird und bleibt.

Uli: Danke Dir für das Gespräch.

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“Es war mir ein Bedürfnis, Lehrenden das Lehren zu erleichtern”

Falls Sie sich fragen, wer hinter dieser Website steckt, dann sind Sie hier richtig. Als ich im Oktober 2018 offizielles Teammitglied bei „Hanke Teachertraining“ geworden bin, habe ich die Gelegenheit genutzt, um Ulrike gründlich zu ihrer Tätigkeit auszufragen. In diesem Interview unterhalten wir uns über ihre Einstellungen und Werte als Dozentin in der Hochschul- und Bibliotheksdidaktik, ihre Pläne für die nächsten Jahre und die Besonderheiten, die die Mischung zweier Zielgruppen mit sich bringt.

[Ursprünglich erschienen am 15. Januar 2019 auf hanke-teachertraining.de]

Nina: Uli, nach vielen Jahren des Forschens und Lehrens an der Uni Freiburg und PH Freiburg hast Du Dich 2014 selbständig gemacht, um Workshops und Lernmaterialien für Hochschullehrende anzubieten. Was hat Dich dazu bewegt?

Uli: Ausschlaggebend dafür waren zwei Dinge: Erstens war es mir ein Bedürfnis, die Dinge, mit denen ich mich an der Uni und der PH mehr als 10 Jahre (mit dem Studium zusammen 17 Jahre) beschäftigt habe, in die Praxis zu tragen und dadurch die Lehre zu verbessern und Lehrenden das Lehren zu erleichtern. Und zweitens, wenn ich ehrlich sein darf, waren es auch die Rahmenbedingungen des Arbeitens in der Wissenschaft, die mich mit ihren ewig befristeten Verträgen einfach mürbe gemacht haben. Ich hätte mich nun auf eine Professur bewerben müssen und dafür weitere Jahre der Unsicherheit, der Vertretungen hier und da ertragen müssen. Dazu war ich nicht mehr bereit.

Nina: Ich denke, Letzteres ist ein bekanntes Problem unserer Hochschullandschaft. Ich hätte auch keine Lust auf jahrelang befristete Verträge… Nun schaust Du also in die Praxis und Dir ist es wichtig, Lehrenden Unterstützung für ihren Lehralltag anzubieten. Wie stellst Du sicher, dass diese Unterstützung wirklich praxistauglich ist?

Uli: Das versuche ich durch verschiedene Bausteine sicherzustellen. Erstens versuche ich selbst, den Kontakt zur Lehrpraxis mit Studierenden nicht zu verlieren, sodass ich auch am eigenen Leib erfahre, was funktioniert, was nicht. Deshalb führe ich selbst regelmäßig Lehrveranstaltungen mit Studierenden durch. Zweitens stehe ich in den Weiterbildungen und über meine Social Media-Kanäle ständig in Kontakt mit vielen Lehrenden, sodass ich recht nah an dem dran bin, was sie bewegt. Und drittens versuche ich meine Weiterbildungen nach allen Regeln der „Didaktik-Kunst“ zu gestalten:

  • Ich nehme Wünsche der Teilnehmenden auf und gehe darauf ein, soweit das irgendwie möglich ist.
  • Ich gestalte meine Weiterbildungen so, dass sie eine Art Beispiel für Lehrveranstaltungen sind.
  • Ich berichte aus der Praxis.
  • Ich frage nach der Praxis der Teilnehmenden.
  • Ich lasse in den Veranstaltungen an konkreten Fragen aus der Praxis arbeiten.
  • Und wenn mir das meine Auftraggeber ermöglichen, versuche ich, Follow-up-Treffen nach den Veranstaltungen zu implementieren, oder besuche meine Teilnehmenden in ihrer Praxis.
  • Außerdem nehme ich die Evaluationsergebnisse ernst und optimiere meine Weiterbildungsveranstaltungen fortlaufend, um den Wünschen und Bedürfnissen der Teilnehmenden gerecht zu werden.

Nina: All das leistest Du inzwischen für zwei ganz unterschiedliche Zielgruppen. Zum einen für Hochschuldozierende, und seit 2006 auch für Bibliothekarinnen und Bibliothekare, die ja an ihren Bibliotheken auch Führungen und Schulungen durchführen müssen. Wie kamst Du auf die Idee, dass es dort auch einen Bedarf gibt?

Uli: Wie das Leben so spielt… das war ein Zufall in der Zeit, in der ich noch an der Uni Freiburg gearbeitet habe. Ein Kollege hatte damals schon begonnen, Weiterbildungen zum Thema Didaktik für Bibliothekarinnen und Bibliothekare anzubieten. Und er war bei einem Termin verhindert. Also hat er mich gefragt. Und so war ich Anfang 2006 das erste Mal an der UB Heidelberg und habe eine Weiterbildung im Bereich Bibliotheksdidaktik gegeben. Dann kam ein weiterer Zufall dazu, nämlich dass ein Fachreferent der UB Freiburg an unser Institut kam und Interesse signalisierte, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der UB Freiburg zu schulen. Und so kam dann eine Kooperation zwischen ihm und mir zustande. Wir haben einiges zusammen publiziert und geben noch heute zusammen Workshops im Bereich Teaching Library und Bibliotheksdidaktik. Also eigentlich Zufall 😉. Aber in den letzten Jahren ist der Bedarf in diesem Bereich sehr stark gestiegen, was mich natürlich freut.

Nina: Inzwischen gehört es also zu Deinem Alltag, sowohl in der Hochschuldidaktik als auch in der Bibliotheksdidaktik tätig zu sein. Was ist für Dich das Besondere an dieser Mischung?

Uli: Das macht es schlicht und einfach abwechslungsreich. Die Zielgruppen sind unterschiedlich, die Voraussetzungen, unter denen sie arbeiten auch, aber die Didaktik unterscheidet sich wiederum gar nicht so sehr. Die Hochschuldidaktik fordert von mir, dass ich auch viel lese und bei den neueren Publikationen auf dem Laufenden bleibe. In der Bibliotheksdidaktik ist das bekannte Wissen noch lange nicht so groß, da kann ich dagegen NOCH mehr innovativ sein.

Nina: Und, welche Innovationen hast Du gerade im Blick?

Uli: Das ist so mein Problem: Meist spukt mir so viel im Kopf rum, so dass ich oft gar nicht so genau sagen kann, was es ist. Ich denke auf jeden Fall über einen weiteren Online-Kurs mit dem Arbeitstitel „Handwerkszeug in der Bibliotheksdidaktik“ nach. Der ist, so denke ich, längst überfällig. Außerdem möchte ich einen E-Mail-Kurs zum Entwickeln von kleineren Bibliotheken als Teaching Libraries entwickeln und dann ist da noch die Idee für ein Buch mit dem Fokus auf die typischen One-Shot-Bibliotheksveranstaltungen. Und natürlich möchte ich weitere Webinare anbieten… leider hat mein Tag nur 24 Stunden 😉, aber zum Glück habe ich nun ja Dich, Nina, als meine tatkräftige Unterstützerin. Was würdest Du denn davon gerne als erstes gemeinsam mit mir in Angriff nehmen?

Nina: Oha, Rollentausch! 😀 Also, ich denke, ein Online-Kurs zum Thema „Handwerkszeug in der Bibliotheksdidaktik“ wäre so vielseitig, dass er möglichst vielen im Alltag helfen könnte. Damit könnten wir gerne anfangen. An den One-Shot-Bibliotheksveranstaltungen sind wir ja gerade mit unserer Blog-Reihe dran, vielleicht ergibt sich ein Buch daraus, wenn wir da „durch“ sind. Dann aber noch die letzte Frage für dieses kurze Interview, bevor wir zu sehr in unseren Plänen abschweifen 😊 :

Du arbeitest ja zunehmend mit digitalen Medien in unterschiedlichen Formen wie den sozialen Medien, Online-Kursen und Webinaren und auch Deinen Blended-Learning-Workshops… Wie geht es Dir mit dieser Entwicklung? Was gefällt Dir am digitalen Kontakt mit Deinen Zielgruppen? Und welche Chancen oder Herausforderungen siehst Du wiederum für Hochschuldozierende und BibliothekarInnen im digitalen Umgang mit ihren eigenen Zielgruppen?

Uli: Mir gefällt daran, dass ich manche Dinge etwas aus der Präsenzzeit auslagern kann, nicht mehr immer wieder gleiche Inputs geben muss und meine Teilnehmenden dadurch in der Präsenz schon an konkreten Herausforderungen arbeiten können. Dadurch wird es in den Blended Learning-Veranstaltungen viel praktischer. An den sozialen Medien gefällt mir der unkomplizierte Austausch, die schnelle Unterstützung am Point of Need und dass ich mich quasi nebenbei auch selbst weiterbilden kann.

Als Herausforderung für die Dozierenden an Hochschulen und die BibliothekarInnen sehe ich vor allem die eigene Scheu und vielleicht eine gewisse, für mich völlig nachvollziehbare Unsicherheit im Umgang mit den digitalen Lehr-Lern-Formen. Es erscheint am Anfang so, als sei dies viel aufwändiger. Man hat vielleicht auch Scheu, vor die Kamera zu treten oder etwas in den Sozialen Medien kundzutun. Diese Hürde muss man aber, so ist meine ganz persönliche Erfahrung, einmal überwinden, dann wird man vermutlich bald die Vorteile schätzen lernen.

Nina: Wenn Du es schaffst, schaffen andere es auch. Uli, vielen Dank für Deine Zeit und dieses spannende Gespräch!

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Zeitgemäßes Lernen: Wie Sie mit Ihrer Zeit (und der der Lernenden) achtsam umgehen können

Zeitgemäßes Lernen – unter diesem Motto wird in einer aktuellen, sehr spannenden Blogparade untersucht, wie Lernen der Zeit entsprechen kann. Unter “Zeit” versteht man auf den ersten Blick das Zeitalter, und entsprechend thematisieren die meisten Beiträge zur Blogparade das Lernen im 21. Jahrhundert – doch was ist mit unserer persönlichen Zeit? Lehren und Lernen sind schließlich immer innerhalb eines konkreten Tages verortet, sie füllen Momente unseres Lebens. Deshalb möchten wir in unserem Beitrag eine ganz andere Perspektive einnehmen und den persönlichen Zeitrahmen betrachten, der das Lernen und Lehren beeinflusst.

Ein achtsamer Blick auf die Zeiteffizienz von Lehr-Lernmethoden

Lehr-Lernmethoden sind von zeitlichen Rahmenbedingungen abhängig, woraus sich diverse Spannungsfelder und Herausforderungen ergeben.

  • Die Länge der Aufmerksamkeitsspanne wird immer wieder diskutiert. Dass Vorträge von 60 oder gar 90 Minuten zu lang sind, als dass die meisten ZuhörerInnen ihnen motiviert und aufmerksam folgen können, ist lange nicht mehr kontrovers.
  • Die Heterogenität von Lernenden ist vor allem deshalb eine Herausforderung, weil die unterschiedlichen Lernenden unterschiedlich viel Zeit bräuchten, sei es beim Lesen, Üben oder in der Gruppenarbeit.
  • Die meisten Lehrenden, seien es Hochschuldozierende oder LehrerInnen, beklagen sich über ein zu hohes Lehrpensum, sie haben zu wenig Zeit für die Vorbereitung. Der Einsatz innovativer und lernförderlicher Lehrmethoden kostet Zeit, die dem Alltag irgendwie entnommen werden muss. Im Optimalfall sollte gute Lehre sogar weniger Zeit kosten als „konventionelle“ Lehre, denn das wäre ein zusätzlicher Anreiz, um die eigene Lehre innovativer zu gestalten.
  • Der Spacing Effect zeigt, dass das Wiederholen von Lernstoff in sorgfältig gewählten zeitlichen Abständen stattfinden sollte. Denn das Gedächtnis vergisst Informationen in Abhängigkeit von der Zeit, die vergeht – wenn man den Moment erwischen kann, in dem die Information zwar etwas verblasst ist, aber dennoch vollständig abgerufen werden kann, lernt man nachhaltiger und effizienter. (Hier finden Sie übrigens eine schöne Anleitung zum Einsatz des Spacing Effect).
  • Die sozialen Medien sind eine ständige Verlockung, die eigene Zeit online zu verbringen. Lehrende sorgen sich um die Ablenkbarkeit der Lernenden, müssen aber auch im eigenen Alltag mit der Komplexität und Attraktivität der ständigen Vernetzung umgehen.

Diese Herausforderungen werden meiner Wahrnehmung nach immer intensiver diskutiert. Insofern ist es auch zeitgemäß – und diesmal meine ich damit modern, fortschrittlich – wenn Lehrende und Lernende sich bei der Wahl ihrer Methoden auch bewusst Gedanken über die zeitliche Verortung machen. Folgende Reflexionsfragen können Lehrenden und Lernenden helfen, das Potential der Zeit optimal auszuschöpfen:

Ein achtsamer Blick auf den eigenen Biorhythmus

Das Lernen ist umrahmt von unserer Menschlichkeit. Auch zunächst unsichtbare Lernprozesse geschehen in einem physischen Körper, der sich durch Zeit und Raum bewegt. Die Gestaltung unserer Tage muss das berücksichtigen.

  • Schlaf ist essenziell für unsere Leistungsfähigkeit. Die Forschung deckt immer neue Prozesse auf, die beim Schlaf für das Wohlbefinden des Gehirns sorgen. Die meisten jungen Menschen schlafen zu wenig, auch bedingt durch die frühen Unterrichtszeiten an Schulen und Hochschulen, die nicht zu ihrer späteren biologischen Uhr passen.
  • Regelmäßige Bewegung fördert ebenso die Denkleistung – auch bei jungen Menschen. Selbst kurze Bewegungseinheiten können die Leistungsfähigkeit steigern.
  • Auch regelmäßige Mahlzeiten und Trinkpausen sind wichtig, um das Gehirn in seiner Arbeit zu unterstützen.

Lehrende sollten nicht nur für die eigene körperliche Balance sorgen, sondern können auch die Lernenden darin unterstützen, indem sie kleine Bewegungseinheiten einbauen, die Lernenden daran erinnern, etwas zu trinken, und darauf hinweisen, dass Schlaf, Bewegung und gesunde Ernährung wichtig sind.

Ein achtsamer Blick auf die sinnvolle Nutzung der eigenen Zeit

Nutzen wir unsere Zeit sinnvoll, oder verschwenden wir sie? Darüber, was wir unter Sinn verstehen, könnte man ebenso ganze Blogparaden ausrufen. Ich möchte hier einfach auf ein paar beachtenswerte Aspekte hinweisen:

  • Das Pareto-Prinzip besagt, dass 80 % des Outputs häufig von nur 20 % des Inputs abhängt. Das heißt, dass 80 % der Gesundheit von 20 % der Lebensmittel abhängt oder dass 20 % der Kunden eine Unternehmens 80 % des Gewinns erzeugen werden. Auf die Zeit und das Lernen bezogen heißt das: 20 % der Zeit beim Lernen, in Lehrveranstaltungen oder bei der Lehrvorbereitung wird 80 % des Lernerfolges erzeugen. Das Pareto-Prinzip ist natürlich kein genaues Naturgesetz – aber es dient als Impuls, um die Sinnhaftigkeit von Aktivitäten kritisch zu reflektieren. Setzen Sie Schwellenkonzepte ein, um die Wirkung Ihrer Lehre zu maximieren.
  • Mut zur didaktischen Reduktion: “Ich weiß, was ich nicht weiß”, sagte einst Sokrates. Selbst der kürzeste Blick ins Internet macht deutlich, dass der Wissens- und Erfahrungsschatz der Menschheit viel größer ist, als dass ihn eine Person jemals ausschöpfen könnte…. selbst in einzelnen Fachbereichen. Die Frage, die sich stellen sollte, lautet also: Was lasse ich weg? Was muss ich nicht wissen? Was möchte ich in meiner Lebenszeit erreichen und worauf muss ich dafür verzichten?

Das Streben, in einer Lebenszeit so viel wie möglich zu erleben, führt zum Verlust einer resonanzvollen Beziehung zu uns selbst, zu anderen Menschen und zur Welt. Deshalb ist es für uns unabdingbar, über das Sterben und den Tod als Teil des Lebens nachzudenken und eine lebensbejahende Haltung zu unserer Endlichkeit zu entwickeln.

(Verein zur Verzögerung der Zeit)

Ein Blick auf die eigene Uhr lohnt sich also für Lehrende und Lernende – denn nur, wer bewusst mit der eigenen Zeit umgeht, kann in Balance leben und für die eigenen Bedürfnisse sorgen, effiziente Methoden wählen und wichtige persönliche Ziele und Werte verfolgen. Als Lehrende sollten wir unsere Zeit und die der Lernenden als wertvolle Ressource respektieren und achtsam verwalten. Nur so gelingt eine resonanzvolle Beziehung zu uns, unseren Mitmenschen und der Welt.

Buchtipp: Wissenschaftliches Arbeiten im dualen Studium

Buchcover
Buchtipp: „Wissenschaftliches Arbeiten im dualen Studium“ von Andrea Klein, erschienen in Verlag Franz Vahlen, München, 2018

Mit ihrem Buch „Wissenschaftliches Arbeiten im dualen Studium“ schließt Andrea Klein eine Lücke: Zwar gibt es zahlreiche Bücher zum wissenschaftlichen Arbeiten allgemein, aber keines das die Besonderheiten des dualen Studiums so umfassend und sorgfältig berücksichtigt, wie dieses neue Buch.

In fünf Kapiteln und einem umfangreichen Anhang gibt Andrea Klein Studierenden eines dualen Studiengangs eine umfangreiche Hilfestellung zum wissenschaftlichen Arbeiten.

Auch für Dozierende an dualen Hochschulen, die wissenschaftliche Arbeiten ihrer Studierenden betreuen, ist dieses Buch sehr hilfreich. Gerade wenn diese kein duales Studium absolviert haben, schärft dieses Buch den Blick für die besonderen Herausforderungen von Studierenden in dualen Studiengängen.

Im ersten Kapitel ihres Buches thematisiert Andrea Klein, welche Rolle das wissenschaftliche Arbeiten in einem dualen Studium spielt und verdeutlicht ihren Leserinnen und Lesern damit die Relevanz des bei vielen Studierenden wohl eher unbeliebteren Themas des „wissenschaftlichen Arbeitens“. Betreuer/innen bietet Andrea Klein mit diesem Kapitel Argumente, warum auch in einem dualen Studium wissenschaftliches Arbeiten bedeutsam ist.

Das zweite Kapitel widmet Andrea Klein dem Unterschied zwischen dem wissenschaftlichen Arbeiten in einem dualen und einem klassischen Studium und schärft damit sicherlich vor allem auch Betreuer/innen von wissenschaftlichen Arbeiten in dualen Studiengängen den Blick auf die besonderen Herausforderungen.

Das Kernstück des Buches für die meisten Leserinnen und Leser bildet sicherlich das Kapitel 3. Hier nimmt Klein ihre Leser/innen an die Hand und führt sie Schritt für Schritt durch den Prozess des Schreibens einer wissenschaftlichen Arbeit. Dieses Kapitel kann als ein Leitfaden beim Schreiben einer Wissenschaftliche Arbeit verwendet werden.

Im vierten Kapitel werden schließlich Konflikte thematisiert, die beim wissenschaftlichen Arbeiten auftreten können. Dabei nimmt Klein sowohl die intrasubjektiven Konflikte als auch Konflikte zwischen Studierenden und Praxisbetreuer/in und Betreuer/in an der Hochschule in den Blick. Sie zeigt auf, welche Konflikte auftreten können und wie mit ihnen konkret umgegangen werden kann.

Das Kapitel 5 schließt das Buch ab.

Fazit

Das Buch ist insgesamt verständlich und kurzweilig geschrieben. Es enthält viele ganz konkrete Tipps und Tricks, sowie Methoden, die beim Wissenschaftlichen Arbeiten helfen können. Der Anhang enthält außerdem eine FAQ-Liste, zahlreiche Checklisten und Übersichten sowie konkrete Beispiele. Auch ein Stichwortverzeichnis fehlt nicht. Das Buch ist durch diese Elemente sehr praxisorientiert und kann in Teilen als Leitfaden zum Verfassen einer Wissenschaftlichen Arbeit verwendet werden.

Gleichzeitig genügt das Buch selbst auch Anforderungen, die ans wissenschaftliche Arbeiten gestellt werden: Andrea Klein verweist auf viele andere Quellen, auf Modelle und Ansätze aus anderen Büchern. Dies ist sinnvoll und konsequent – schließlich sollte man auch als Autor/in als gutes Vorbild voran gehen – allerdings unterbricht dies an manchen Stellen den Leitfaden-Charakter des Buches.

Alles in allem legt Andrea Klein mit diesem Buch auf jeden Fall ein sehr empfehlenswertes Werk für alle Studierenden und Dozierenden in dualen Studiengängen vor, die wissenschaftliche Arbeiten verfassen und betreuen.

Weitere Infos unter: http://www.wissenschaftliches-arbeiten-lehren.de/buecher/

Das Buch können Sie bei Interesse bei amazon bestellen.

 

Auf der Suche nach weiteren Buchtipps? Hier finden Sie alle bisher empfohlenen Bücher aus der Hochschuldidaktik. Oder schauen Sie doch in unserer Schatzkiste vorbei, wenn es auch Online-Material sein darf.

Micro-Learning-Kurs: Visionen für die Hochschullehre

Periskop vor einem Meereshorizont

Stellen Sie sich einen Hörsaal mit Studierenden vor 20 Jahren vor … und jetzt vor 15 Jahren … und jetzt vor 10 Jahren … und heute? Was hat sich verändert? Rein äußerlich kaum etwas: Die Studierenden sitzen in den klassischen Bankreihen der Hörsäle. Sie tuscheln, sie lauschen den Ausführungen der Lehrenden. Vor zwanzig Jahren nutzten die Lehrenden Overhead- und Dia-Projektoren, um Bilder oder Abbildungen zu zeigen, erst langsam zogen die Beamer und damit die Powerpoint-Präsentationen in die Hörsäle ein. Heute ist das gesprochene Wort der Lehrenden fast immer begleitet von mehr oder weniger überfüllten Folien.

Und was ist noch anders? Stimmt: Vor ca. 15 Jahren begannen die Laptops der Studierenden ihren Eroberungszug der Hörsäle. Anders als noch vor 15-20 Jahren steht heute vor fast jedem Studierenden ein Laptop; steht da keiner, so findet sich einer in der Tasche unter dem Tisch … und falls tatsächlich kein Laptop vorhanden ist, so ist doch mindestens ein Tablet dort zu finden.

Und was ist noch anders? Es sind die Smartphones! Sie sind allgegenwärtig: Sie liegen auf den Tischen, stecken in den Hosentaschen oder werden in der Hand gehalten; vor, während und nach der Vorlesung; auch wenn die Studierenden sich unterhalten, fällt der Blick regelmäßig auf das Smartphone.

Und die Lehrenden? Wie gehen sie damit um? Manche versuchen verzweifelt, die digitalen Geräte von den Tischen zu verbannen. Andere lassen sie zu, befürchten aber, dass die Studierenden der Vorlesung weniger gut folgen als vor zwanzig Jahren, da sie abgelenkt seien.

Was viele Lehrenden heute tun, ähnelt damit sehr dem, was sie vor zwanzig Jahren auch schon taten: Sie stellen Informationen dar. Die Möglichkeiten, die die allgegenwärtigen digitalen Geräte der Studierenden bieten, empfinden einige eher als Bedrohung, denn als Möglichkeit. Dadurch bleibt das wahre Potential der Digitalisierung für die Hochschullehre völlig ungenutzt.

Im Kurs “Visionen für die Hochschullehre” erfahren Sie, wie Sie das Potenzial der Digitalisierung in Ihrer Hochschullehre entfalten können.

Was ist es nun aber, was die letzten Jahre gebracht haben, was die Hochschullehre und die hochschuldidaktische Aus- und Weiterbildung tangieren sollte?

Werfen wir dafür einen kurzen Blick zurück in die Zeit vor dem Internet, vor dem Smartphone – und sooo lange müssen wir dafür ja gar nicht zurückgehen, wie wir gerade schon gesehen haben: Nur ca. 20-25 Jahre.

„Früher“, also vor ca. 20-25 Jahren

Gesichertes Wissen war damals gebunden an Expert/inn/en und wurde in Printmedien (Büchern und Zeitschriften) publiziert und verbreitet. Das Wissen in einem bestimmten Fach oder zu einem bestimmten Themenbereich entwickelte sich zwar auch weiter, durch die Bindung an Personen oder Printmedien allerdings aus heutiger Sicht recht beschaulich und langsam. Die Menge des Wissens schien zu einem bestimmten Zeitpunkt geradezu endlich zu sein.

Die Weiterentwicklung des Wissens war weitgehend gebunden an die Wissenschaft und fand an den einzelnen Forschungseinrichtungen statt. Natürlich gab es bereits Austausch zwischen einzelnen Einrichtungen, natürlich nahm man Bezug auf Forschungsergebnisse anderer und pflegte Kooperationen, aber aus der Perspektive von heute ging dies alles viel langsamer vonstatten: Man musste reisen, sich treffen, Briefe und später immerhin noch E-Mails schreiben. Es dauerte bis Forschungsergebnisse publiziert waren und damit der Fachcommunity zugänglich waren.

Zu dieser Zeit waren die Zugangsvoraussetzungen für bestimmte Berufe und Tätigkeiten recht klar definiert: Man wusste, was jemand können muss, der in einem bestimmten Tätigkeitsfeld arbeiten sollte.

Und heute?

Gesichertes Wissen ist heute nicht mehr nur gebunden an Expert/inn/en und Printpublikationen. Es ist immer und überall über das Internet und Netzwerke von Menschen verfügbar und zugänglich, und dies weltweit in Echtzeit. Die Wissensmenge ist unendlich, denn es wird immer und überall durch viele Menschen neues Wissen, bzw. neue Informationen produziert. Jeder und jede kann beitragen, jede/r kann Experte oder Expertin werden, da der Zugang zu Wissen heute viel leichter ist als frühe. Nicht nur an Hochschulen und Universitäten eingeschriebene Studierende und Wissenschaftler/innen haben Zugang zu Expert/innen, über das Internet kann jeder und jede teilhaben und selbst zum Experten oder der Expertin werden. Stellt sich jemand gut dar, produziert für eine Community gute Informationen, wird er oder sie auch ohne formale Abschlüsse und Titel zu als Experte wahrgenommen.

Insgesamt sind die Einflussmöglichkeiten der einzelnen größer geworden: Wir bewerten Produkte und Dienstleistungen und nehmen damit Einfluss auf andere Menschen, die sich für diese Produkte und Dienstleistungen interessieren, aber auch auf neue Produkt- und Dienstleistungsentwicklungen. Wir vermieten einfach unsere Wohnung über airbinb, wir transportieren andere Menschen über uber und verdienen dabei nebenbei Geld.

Wir haben insgesamt viel mehr Wahlmöglichkeiten: Wir können Preise fast weltweit vergleichen und die günstigsten wählen, wir entscheiden selbst, wann wir Nachrichten schauen und wann der Tatort am Sonntagabend beginnt oder auf Montag verschoben wird. Wir wählen, ob wir das Zugticket am Schalter, am Automaten, im Internet oder mobil kaufen.

Dazu kommt, dass viele Tätigkeiten, die früher von Menschen durchgeführt werden mussten, heute automatisiert sind, und dieser Prozess der Automatisierung ist längst nicht abgeschlossen. Dadurch sind Berufsbilder und Tätigkeitsfelder einem starken Wandel unterworfen und im Moment ist nicht abzusehen, wo und was Menschen in der Zukunft arbeiten werden. Sicher scheint zu sein, dass es immer weniger klar definierte Tätigkeiten geben wird. Was Menschen in Zukunft konkret können müssen, um in bestimmten Tätigkeitsfeldern erfolgreich zu sein, ist heute nicht klar. Sicher ist aber, dass es immer weniger klar definierte Tätigkeiten geben wird, denn die klar definierten können ja automatisiert werden.

Und was bedeutet dies nun für die Hochschullehre?

Dies erfahren Sie im Micro-Learning-Kurs “Visionen für die Hochschullehre”.

Melden Sie sich hier an und Sie erhalten ab heute einmal wöchentlich für sechs Wochen kurze Informationen, Learning-Nuggets zugeschickt. In diesen Learning-Nuggets Form von Texten, Learning-Snacks, Videos und Beispielen erfahren Sie, warum die Hochschullehre neue Formate und Themen braucht und welche das sind. Diese Learning-Nuggets zu bearbeiten kostet Sie zwischen 5 und 15 Minuten und Sie können sie nebenbei online per Smartphone bearbeiten.

Auf dem Programm steht Folgendes:

Noch heute erhalten Sie: Visionen für eine Hochschullehre im Digitalzeitalter

In den folgenden Wochen lernen Sie die Formate für eine Hochschullehre im Digitalzeitalter kennen:

Woche 1: Die Möglichkeiten des Flipped Classrooms

Woche 2: Die Möglichkeiten von Micro-Learning

Woche 3: Forschendes Lernen

Woche 4: Service Learning

Woche 5: Die Rolle persönlicher Lernumgebungen und -netzwerke

Woche 6: Und wie geht es jetzt mit der Hochschuldidaktik weiter?

Ich bin auf Ihre Rückmeldung zum Kurs gespannt. Lassen Sie uns gemeinsam eine neue Zukunft für die Hochschuldidaktik gestalten!

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